Mrz 27

Was ist Körperpsychotherapie?


Körperpsychotherapie hat eine ebenso lange Geschichte, wie alle primär verbal-kognitiv ausgerichteten Therapien. Dennoch ist sie viel weniger bekannt und viele Menschen haben nur vage Vorstellungen davon, was Körperpsychotherapie wirklich beinhaltet.

Oftmals wird sie auch mit den ebenfalls als Körpertherapien bezeichneten Behandlungen wie z.B. Feldenkrais, Rolfing oder Ähnlichem verwechselt.

Die Wurzeln der Psychotherapie gehen auf zwei Männer zurück. Das ist einmal Sigmund Freud, der für die meisten Menschen der Bekanntere von beiden ist. Er hat die Psychoanalyse entwickelt. Diese gibt es auch heute noch und ist meist einfach als „Analyse“ bekannt. Aus dieser entwickelte sich die tiefenpsychologisch fundierte Gesprächsführung.

Zur gleichen Zeit gab es außerdem noch einen „abtrünnigen“ Schüler namens Wilhelm Reich, der völlig andere Vorstellungen entwickelte.

Seine Idee war es, dass der Körper ganz viel darüber zeigt, wie eine Person auch charakterlich geschaffen ist. Er sah den Körper als Ausdruck von uns selbst und unserer Geschichte. Er war der Überzeugung, dass der Körper zeigt, wer wir wirklich sind und es über den Körper möglich sei, die Psyche zu erreichen und zu heilen.

Aus Persönlichkeit wird Struktur

Er nannte die Haltungsmuster, die sich durch das Verhalten unserer Bezugspersonen und deren Erziehung bilden, „Charakterstrukturen“. Damals wurden diese von Reich noch Charakterpanzer genannt.

Er schuf diesen Begriff, weil er annahm, dass Menschen sich durch Muskelspannungen vor schmerzhaften Gefühlen schützen, welche sie dadurch nicht mehr wahrnehmen können/müssen. Oftmals war es auch therapeutisch nicht mehr möglich einen Zugang zu diesen verpanzerten Gefühlen zu bekommen.

Unser Körper ist somit zum einen ein Spiegel unserer familiären Sozialisation und zum anderen Ausdruck gesellschaftlicher Erziehungsmethoden.

Reich nahm an, dass langanhaltende emotionale Zustände sich im Körper manifestieren.

Alexander Lowen, ein Schüler und Nachfolger Wilhelm Reichs, beschrieb dies mit den Worten: „Der Körper lügt nicht“. ​

In der Körperpsychotherapie gehen wir also davon aus, dass die Umstände, in denen ein Mensch aufgewachsen ist, sich in seinen Haltungsmustern niederschlägt. Für mich ist es "die Brille, mit der jemand in die Welt schaut".

Warum lügt der Körper nicht?

Man unterscheidet zwischen der Körpersprache, die ständig wechselt und der Körperstruktur, die manifest ist. Körpersprache ist die Art, wie ich „erzähle“ was ich gerade sage. Körpersprache kann man trainieren. Das machen Politiker, das machen Schauspieler und manche Leute können durch ihre Körpersprache relativ viel von dem verdecken, was sie wirklich fühlen oder denken.

Unter einer Körperstruktur versteht man in der Körperpsychotherapie folgendes: Es ist die Haltung, die wirklich charakteristisch für eine Person ist!

Jede/r von uns erkennt jemanden schon von weitem an dessen Haltung. Wir können Freunde oft im Halbdunkel noch gut erkennen, einfach an ihrer Haltung, an der Art, wie sie gehen und sich bewegen.
Die Art, sich zu bewegen und unsere Haltung ist so typisch wie ein Fingerabdruck.

​Im Körper drücken sich Gefühle aus, welche der Mensch nicht offen zeigen möchte oder die so „alt“ sind, dass sie der Person nicht mehr bewusst sind.

Also noch einmal:
Körpersprache ist Gestikulieren und Mimik, während Körperstruktur oder die so genannte Charakterstruktur dauerhafte Zeichen sind. Diese sind z.B. hochgezogene Schultern, ein schief stehender Kopf, ein kollabierter Brustkorb, Soldatenhaltung oder ein Gang wie John Wayne. Das alles sind Haltungen oder Spannungsmuster, die zu einer Struktur gehören.

Das ist der große Unterschied von Körperstrukturen zu aktueller Körpersprache. In der Körpersprache sieht man nur den Ausdruck einer aktuellen Emotion, in der Körperstruktur alte, verdrängte Emotionen.

Wie diese Strukturen entstehen versteht man, wenn man als Beispiel ein Kind nimmt, das immer wieder gesagt bekommt:
„Man darf Kinder sehen, aber nicht hören.“

Dieses Kind entwickelt zwangsläufig Strategien, wie es seine lauten Impulse unterdrücken kann. Damit dies gelingt, muss es bestimmte Muskeln immer und immer wieder anspannen.

Aus diesen Spannungsverhältnissen, die sich über die Zeit chronifizieren, entsteht letztendlich eine feste Körperhaltung. Diese kann sich in verschiedenen Haltungen im Körper darstellen, aber es geht dabei nicht um Pathologien. Keine Haltung oder Struktur ist krankhaft, sie verkörpert einfach unsere Geschichte und die Persönlichkeit, die sich daraus entwickelt hat.

​Emotionale Anteile, die wir in uns tragen, manifestieren sich in unserem Körper

Eine Person, die z.B. im Brustraum kollabiert ist, hat durch diese Haltung vielleicht eine Tendenz zu Schwermut oder auch zu Depressionen. Sie ist aber gleichzeitig auf Grund ihrer Struktur wahrscheinlich viel näher an ihren Gefühlen und dadurch gefühliger als eine Person, die „stramm steht“, die Schulter nach hinten zieht und denkt, dass sie total stark und autonom sein muss und keine Hilfe annehmen kann.

In der Haltung offenbaren sich also chronifizierte emotionale Zustände, die meist nicht mehr bewusst von uns wahrgenommen werden. Leider wird unser Verhalten und damit unser Leben meist von diesen unbewussten Anteilen bestimmt.

Die Körper“haltung“ bestimmt die Gefühle im Alltag eines Menschen

Was heißt das?

Bestimmte Körperhaltungen schließen bestimmte Gefühle fast aus. Wenn man z.B. die Luft anhält und sich ganz gerade aufrichtet und dabei die Muskeln im Oberkörper zusammenzieht, dann fällt es sichtlich schwer zu weinen.

Wenn ich dabei zusätzlich noch den Kiefer zusammenbeiße, dann fällt mir wahrscheinlich der Ausdruck von Weichheit und Zartheit schwer.

Diese Verspannungen entstehen in unserer Kindheit und werden zu einer Prägung!

Diese Prägung entwickelt sich in den ersten Lebensjahren eines Kindes. Anfangs ist die Struktur noch nicht sichtbar, aber nach und nach immer deutlicher erkennbar. In den ersten Lebensjahren entsteht die Körperstruktur aufgrund dessen, was das Kind erlebt: wie es gefördert wird, wie es gesehen wird, wie es geliebt wird, was es darf, was es nicht darf. All das hinterlässt Spuren in uns allen (sowohl auf körperlicher als auch auf emotionaler Ebene).
Schon die Geburt - vor allem traumatische und schwere Geburten - hinterlassen so starke Spuren, dass man diese später im Körper eines Menschen „sehen“ kann.

Als Körperpsychotherapeutin erkenne, sehe und erfühle ich diese Spannungsmuster. Über den Körper erhalte ich Zugang zu der Psyche des Klienten.

Struktur erzeugt Überzeugungen

Das Besondere daran ist, dass man anhand des Körpers praktisch sehen kann, durch welche Brille die Person in die Welt schaut (denn jede Struktur hat ihre speziellen Glaubenssätze). Das macht es für mich als Therapeutin einfacher, die Person dort abzuholen, wo sie tatsächlich ist. Ich kann Angebote machen, die für diese Person sinnvoll sind, weil sie sich gesehen und gefühlt fühlt....und weil ich sie tatsächlich verstehe. Um dies zu erreichen, ist es sinnvoll eine Einschätzung zu haben, wo die Person sich innerlich bewegt und was sie fühlt.

Es gibt einige grundsätzliche, sehr weit verbreitete „Brillenmodelle“ der verschiedenen Charakterstrukturen, diese sind:

  • Die Welt ist ein gefährlicher Ort.
  • Ich denke, also bin ich.
  • Ich bin anders als die anderen und gehöre nicht dazu.
  • Es gibt nie genug für mich und ich komme immer zu kurz.
  • Ich brauche niemanden.
  • Wenn du willst, dass etwas richtig läuft, dann mach es selbst.
  • Ich bin schuld.
  • Wenn ich in meine Kraft gehe, dann werde ich alleine sein.
  • Ich bin, wenn ich etwas leiste.

Sehr wichtig ist es in diesem Zusammenhang, dass ich über mich selbst als Therapeutin weiß, mit welcher Brille ich in die Welt blicke und wie diese gefärbt ist. Ich sollte wissen, wo ich wahrscheinlich nicht fähig bin, die Realität zu sehen und in welche Fallen ich im therapeutischen Prozess dadurch tappen kann.

In den Schuhen eines Anderen laufen

Um zu erfahren, wie sich ein anderer Mensch wirklich fühlt, kann man versuchen, dessen Körperhaltung möglichst vollständig zu imitieren und damit eine Zeitlang herumzulaufen. Du wirst merken, dass sich in deinem Denken und Fühlen bestimmte Dinge verändern.

Es gibt sogenannte „Handlungstendenzen“, die für eine Person mit einer bestimmten Körperstruktur naheliegender sind als für andere. In der Körperpsychotherapie arbeitet man mit diesen Mustern. Es geht darum, diese wieder ins Fühlen und ins Bewusstsein zu bringen, um dann die fehlenden Handlungsmöglichkeiten in der Therapie zu entwickeln.
Darüber wird dem Klienten ermöglicht, aus seinem Muster auszusteigen und neue Wahlmöglichkeiten für sich selbst in Betracht zu ziehen.

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Manchmal widerspricht der Körper den Worten eines Menschen

Neben der Möglichkeit anhand der Haltung eines Menschen seine Welt besser zu erfassen, ermöglicht mir der Einbezug des Körpers einen wesentlich schnelleren und tieferen Zugang zu dem Menschen.

Wenn wir wissen, dass 90% der Kommunikation nicht verbal, sondern nonverbal über Körper und Tonlage abläuft, erscheint es sehr unlogisch und eingeschränkt, die Aussagen des Körpers in einem Gespräch nicht zu beachten.

Wenn ich zum Beispiel in einer Therapiestunde jemandem zuhöre, dann höre ich zwar, was jemand sagt, aber ich schaue sehr genau, was mir der Körper währenddessen über die selbe Geschichte erzählt. Und oft weicht die Erzählung des Körpers von der der Sprache ab.

In der Körperpsychotherapie liegt der Fokus primär auf dem, was der Körper erzählt, denn der Körper lügt nicht. Die Haltung, die wir haben, die Erregung, die in bestimmten Situationen in unserem Körper aufsteigt oder unbewusste Bewegungen, zeigen sehr genau, was in einem Menschen vorgeht.

Immer wieder lerne ich, dass unser Körper sehr viel wahrhaftiger ist als unsere Sprache. Durch Sprache zensieren wir häufig das, was wirklich in uns vorgeht.

Körperpsychotherapie kann hier sehr unterstützend sein und helfen, wieder einen Zugang zu sich zu bekommen.

Körperpsychotherapie heute

Heute gibt es sehr unterschiedliche Schulen der Körperpsychotherapie, die therapeutische Arbeit mit den Klienten hat sich sehr verändert. In den 80er Jahren wurde die Körperpsychotherapie meist als kathartische Therapie bekannt, in der man Kissen verprügelte, schrie und dazu aufgefordert wurde „es raus zu lassen“.

Dieses Vorgehen hat einigen Menschen geholfen und einigen sehr geschadet. Gerade für traumatisierte Menschen ist diese Art therapeutischer Arbeit kontraindiziert. Sie werden dabei von Gefühlen überschwemmt, die sie nicht mehr regulieren können und es kann keine Integration und neue Entwicklung stattfinden.

Heute ist der Begriff der Achtsamkeit und des behutsamen Spürens wesentlich wichtiger geworden. Es geht darum, die verborgenen (dissoziierten) emotionalen Inhalte langsam und behutsam wieder spürbar zu machen und so Menschen aus einem Zustand des Funktionierens wieder in eine gefühlte Lebendigkeit zu helfen.

Die grundlegende Wahrheit, die Wilhelm Reich herausfand, ist immer noch die Gleiche: „Wir sind unser Körper“.


​Im Video hat sich ein Fehler eingeschlichen. Das Bild von Reich stellt Freud dar. Entschuldigung dafür.