Dissoziation – der Schutz vor sich selbst

Jul 08

Bei Wikipedia ist das Phänomen der Dissoziation wie folgt beschrieben: „Der Begriff Dissoziation beschreibt in der Psychologie die Trennung von Wahrnehmungs- und Gedächtnisinhalten, welche normalerweise assoziiert sind. Hierdurch kann die integrative Funktion des Bewusstseins, des Gedächtnisses, der Wahrnehmung und der Identität beeinträchtigt werden.“

Im Duden dagegen steht: „(Psychologie) krankhafte Entwicklung, in deren Verlauf zusammengehörige Denk-, Handlungs- oder Verhaltensabläufe in weitgehend unkontrollierte Teile und Einzelerscheinungen zerfallen.“

Klinisch kann man verschiedene Schweregrade der Dissoziation beschreiben. Für den Alltag in einer freien Praxis sind meist verstärkte Alltagsdissoziationen und die einfache und sekundäre strukturelle Dissoziation relevant. (Außer man möchte sich auf dieses Gebiet spezialisieren, da es dort nur wenige SpezialistInnen gibt und diese dringend gebraucht werden.)

Man unterscheidet verschiedene Erscheinungsformen und Schweregrade dissoziativer Störungen:

  • Alltagsdissoziation
  • Amnesie: keinen Zugang mehr zu Erinnerungen zu haben
  • Derealisationserscheinungen: sich fremd in der Welt fühlen oder wie in Watte gepackt oder zu bestimmten Sinnesreizen keinen Zugang mehr zu haben
  • Depersonalisationserscheinungen: „neben sich stehen“, sich nicht mehr mit sich selbst identifizieren können, dauerhafte Analgesie (Schutz vor Schmerzen)
  • Fugue: (franz.: Flucht) vollkommener „Filmriss“, nicht mehr wissen, wie man einen Ort gekommen ist
  • Primäre Strukturelle Dissoziation: einfache Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) – ein Aparently Normal Part (ANP, Anscheinend normaler Persönlichkeitsanteil) und ein Emotional Part (EP, Emotionaler Persönlichkeitsanteil)
  • Sekundäre strukturelle Dissoziation – Komplexe PTBS, Entwicklungstrauma, Borderline-Störungen: ein ANP und mehrere EPs
  • Dissoziative Identitätsstörungen (Tertiäre strukturelle Dissoziation): mehrere ANPs und mehrere EPs

Eine Dissoziation ist eng verwandt mit einem Trancezustand. Man kann sagen, dass wir in jedem Augenblick, in dem wir uns unserer selbst nicht voll bewusst sind, einen Teil von uns dissoziiert haben oder in Trance sind. Aus dieser Perspektive gesehen sind fast alle Menschen in ihrem Alltag häufig dissoziiert. Der Unterschied zur krankhaften Dissoziation besteht darin, dass wir unsere Aufmerksamkeit ausrichten können und die dissoziierten oder gerade nicht bewussten Anteile dann wieder (zum großen Teil) in den Fokus unseres Bewusstseins bekommen können.

Dissoziation ist wie eine Trance

Die meisten Menschen befinden sich während alltäglicher Abläufe oder bei langen Autofahrten in einer Art Trance – das Bewusstsein schaltet sich ab, und wir wissen hinterher oft nicht mehr, wie wir diese Handlung ausgeführt haben. Diese Alltagstrancen sind bis zu einem gewissen Grad in unserer Kultur normal.

Das menschliche Bewusstsein neigt außerdem dazu, bei Überforderung oder repetiver Wiederholung in Trance zu fallen. Hört man längere Zeit bei unverständlichen Vorträgen zu, so fällt man fast unweigerlich in Trance. Deswegen wird diese Technik auch in der Hypnose genutzt, um eine Trance zu induzieren.

Eine der häufigsten dissoziativen Erscheinungen ist heute die Dissoziation vom eigenen Körper. Menschen haben häufig keinen Zugang zu den Empfindungen ihres Körpers (gestörte Interozeption) und sind so abgeschnitten von grundlegenden Informationen über ihren eigenen Zustand. Dies führt oft zu psychosomatischen Störungen und Burn-out.

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Die Trennung von sich selbst

Menschen, die wenig präsent in sich sind, werden von anderen häufig als abwesend oder zerstreut erlebt. Bei stärkeren Abspaltungen wirken Betroffene auch gefühlsarm (Affektarmut). Haben Menschen keinen Zugang zu ihren eigenen Gefühlen und können diese nicht benennen, so nennt man dies Alexithymie.

Diese Störungen entpuppen sich, wenden wir uns traumatischen Ereignissen zu, als eine der wichtigsten Überlebensfunktion der menschlichen Psyche. Die Fähigkeit des Geistes, sich bei Überforderung oder Unverständnis von sich selbst zu trennen, ist bei lebensbedrohlichen Umständen geradezu grandios.

Unter hoch bedrohlichen Zuständen berichten fast alle Menschen von einer plötzlichen Trennung des Geistes vom Körper. Man tritt in ein anderes Raum- Zeit-Gefühl ein (Derealisation) und sieht dem Geschehen von außen zu, ohne noch emotional beteiligt zu sein oder sich mit der überwältigten Person zu identifizieren (Depersonalisation). Jemand hat einmal gesagt: „Das ist die Gnade der Natur, beim Sterben nicht dabei zu sein.“

Diese biologischen Abläufe, die durch die Aktivierung von Endorphinen (körpereigenen Opiaten) eingeleitet werden, führen zu einem Schutz vor Schmerzen (Analgesie) und Angst- oder Panikgefühlen (Gefühlstaubheit).

Dieses Auftreten einer akuten Dissoziation während eines traumatischen Erlebnisses, ist allerdings gleichzeitig auch eine der stärksten Präindikatoren einer später auftretenden Posttraumatischen Belastungsstörung.

Auf der Seite "Dissoziation und Trauma" findest du noch mehr zum Thema Dissoziation

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