Was ist eine PTBS oder posttraumatische Belastungsstörung?

Jul 08

DIE GEBURT DER TRAUMAFORSCHUNG

Die heutige Traumaforschung geht auf den 1.Weltkrieg zurück. Im Gegensatz zu allen bis dahin stattgefundenen Kriegen mussten die Soldaten im 1. Weltkrieg das erste Mal in der Geschichte in Schützengräben verharren und waren somit in ihrer Bewegungsfreiheit beschränkt. Diese Veränderung führte zu massiven Symptomen bei den heimkehrenden Soldaten: dem sogenannten Schützengraben-Syndrom. Soldaten, die unter dieser posttraumatischen Belastungsstörung litten, wurden auch „Kriegs-Zitterer“ genannt, da sie oft unkontrolliert zitterten. Da sie arbeits- und kriegsunfähig waren, begann man zu überlegen, wie man diese Männer dazu bringen könnte, im Krieg länger durchzuhalten...

Hier war die Geburtsstunde der Resilienzforschung, welche sich mit der psychischen Widerstandsfähigkeit des Menschen auseinandersetzt.

Dennoch blieb das Thema der posttraumatischen Belastungsstörung lange Zeit weitgehend unbeachtet. Erst seit 1994 wird es im Amerikanischen Handbuch für Diagnostik erwähnt.

TRAUMADEFINITIONEN

Es gibt inzwischen viele verschiedene Definitionen für Trauma, eine der anerkannten und in den Psychiatrischen Klassifiakationen genannten sind die folgenden. Uns ist wichtig, dass Du weißt, was in den Lehrbüchern steht – es gibt jedoch noch eine Gegenkultur, die den Traumabegriff wesentlich weiter fasst und den wir für wesentlich richtiger und wichtiger halten!

Eine der anerkannten Definitionen für Trauma liefern Fischer und Riedesser in ihrem Lehrbuch der Psychotraumatologie (München, 1998, S. 79.):

„[...] ein vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“

Das aktuelle medizinische Klassifikationssystem ICD-10 (International Classification of Diseases, 10. Auflage) und die zugehörigen diagnostischen Anleitungen beschreiben Trauma als

„[...] ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde (z. B. Naturkatastrophe oder menschlich verursachtes schweres Unheil – man-made disaster – Kampfeinsatz, schwerer Unfall, Beobachtung des gewaltsamen Todes Anderer oder Opfersein von Folter, Terrorismus, Vergewaltigung oder anderen Verbrechen).“

Das amerikanische System DSM-IV-TR sieht die Kriterien für Trauma erfüllt, wenn die folgenden Aspekte gleichzeitig vorliegen:

(1) Die Person erfuhr, beobachtete oder war konfrontiert mit einem oder mehreren Ereignissen, die tatsächlichen oder drohenden Tod, tatsächliche oder drohende ernsthafte Körperverletzung

oder eine Bedrohung der körperlichen Unversehrtheit von einem selbst oder Anderen einschloss.

(2) Die Reaktion der Person schloss starke Angst, Hilflosigkeit oder Grauen ein.

Wie eine PTBS definiert ist

Die ICD-10 unterscheidet drei Reaktionsmuster, die dort als Störungen definiert werden:

  • Die akute Belastungsreaktion F43.0,
  • die posttraumatische Belastungsstörung oder PTBS F43.1 und die
  • Anpassungsstörung F43.2.

Die akute Belastungsreaktion wird hervorgerufen durch eine außergewöhnliche seelische oder körperliche Belastung. Symptome klingen in der Regel innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen ab.

Eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS, PTSD) wird hervorgerufen durch schwerste, katastrophale Belastungen, die bei fast jedem Menschen eine tiefe Verzweiflung auslösen würden. Symptome treten verzögert auf, d.h. sie können Wochen, Monate oder Jahre später auftreten. Die Anpassungsstörung wiederum wird hervorgerufen durch eine psychosoziale Belastung von nicht außergewöhnlichem Ausmaß. Symptome treten innerhalb eines Monats auf.

In diesen Definitionen wird immer davon ausgegangen, es gebe ein Ursache- Wirkungsprinzip. Doch leider stellt sich in der Praxis heraus, dass die Definition und auch die Beschreibung der Folgen bei Weitem nicht so klar und einfach sind.

Vielfach sind die Folgen weit diffuser als in Trauma-Handbüchern beschrieben. Denn nicht jeder Mensch, der ein Trauma erlitten hat, leidet unter den üblichen, klassifizierten Trauma-Symptomen oder einer PTBS. Diese „anerkannten“ Symptome sind:

  • Flashbacks: Spontan auftretendes Wiedererinnern des/der traumatischen Ereignisse(s), einhergehend mit einem Gefühl, als würde es in diesem Moment geschehen
  • Vermeidungsverhalten: Orte und Situationen, die an das Trauma erinnern, werden gemieden
  • Erinnerungslücken: Einzelne Aspekte oder das gesamte traumatische Ereignis sind nicht erinnerbar
  • Entfremdungsgefühle: Betroffene haben das Gefühl, “nicht richtig da” zu sein
  • Hyperarousal: Ein erhöhtes Erregungsniveau, das sich in Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit und/oder dem Gefühl, “ständig auf der Hut” zu sein, zeigtIm Allgemeinen wird bei jeder klassischen Definition betont, dass eine Gefahr für Leib und Leben bestanden haben muss. Doch auch hier sagt die Erfahrung aus der Praxis, dass Symptome auch dann entstehen können, wenn dies nicht so empfunden wurde. So können Operationen und Narkosen traumatisch sein, ebenso wie Stürze, Trennungen, auch selbst gewollte Schwangerschaftsabbrüche, ärztliche Untersuchungen, zahnärztliche Behandlungen, Mobbing, Demütigungen, sogar leichte Auffahrunfälle, die Bezeugung von Gewalt oder Unfällen und viele andere Dinge, die uns im Leben begegnen.Das Problem besteht darin, dass man nicht sagen kann, was für eine bestimmte Person traumatisch ist, weil Menschen sehr unterschiedliche Schwellen haben, ab denen Stress zum Trauma wird.Peter Levine sagt, Trauma entsteht im Nervensystem, und nicht im Ereignis. Damit bezieht er sich auf die sehr unterschiedlichen Reaktionen von Menschen auf stressige Ereignisse. Man könnte also sagen: Ein Trauma entsteht dann, wenn ein Ereignis zu plötzlich, zu schnell und zu massiv für einen Menschen geschieht, so dass seine Bewältigungsmechanismen weit überfordert sind.Momentan ist der Begriff Trauma in unserer Gesellschaft meist so verstanden, dass einer Person schreckliches zugestoßen sein muss, also mindestens eine Vergewaltigung oder schwere Gewalt oder Katastrophen. Dies ist jedoch definitiv falsch! In unseren Praxen sitzen immer wieder Menschen, die darüber verzweifelt sind, nicht zu wissen, warum ihr Leben so ist, wie es ist und die ihr Leiden nie damit in Verbindung bringen würden, dass sie als Baby 4 Wochen alleine im Krankenhaus bleiben mussten. Oder, dass sie eine schwere OP hatten und ein Jahr später gemerkt haben, dass sie Symptome entwickeln für die sie keine logische Ursache finden konnten.

Alle Traumata, die aus einem einmaligen Erlebnis resultieren, nennt man Schocktrauma - diese haben des öfteren eine klassische PTBS oder posttraumatische Belastungsstörung als Folge.

Genauso häufig, wenn nicht häufiger sind sogenannte Entwicklungstraumata. Diese ziehen sich über eine längere Zeit und beeinflussen unsere gesamte Persönlichkeit, unsere Überzeugungen und die Art, wie wir in die Welt gehen. Viele Forscher, auch namhafte, sprechen inzwischen von einer Epidemie von frühen Traumatisierungen, die unser Bindungs- und Beziehungsverhalten beeinflussen, unsere Stressresistenz und unsere Glücksfähigkeit.

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