Einzeltherapie oder Gruppenpsychotherapie?

Es gibt keine klare Antwort auf die Frage, welche Therapieform die richtige ist. Jede Form der Therapie hat ihre Vor- und ihre Nachteile. In diesem Artikel möchte ich diese näher beleuchten, so dass Sie eine informierte Entscheidung für sich selbst treffen können.

Meine Erfahrung mit der Einzelpsychotherapie

Ich gebe seit 15 Jahren Einzelpsychotherapie und natürlich habe ich in dieser Zeit immer mehr dazu gelernt. Der wichtigste Schritt war jedoch zu erkennen, dass viele Probleme, die Menschen haben, damit zusammenhängen, dass sie sich emotional nicht gut regulieren können, dass sie zu schnell gestresst sind oder auf zu viele Alltagsanforderungen gestresst reagieren. Oder, dass sie kaum die Energie haben, aus ihrem Leben das zu machen, was sie sich einst erträumt haben.

Ich habe erkannt, dass die äußeren Umstände oft die inneren Stresszustände spiegeln. Dass Menschen, selbst wenn sie in Rente gehen, es innerhalb kürzester Zeit schaffen, ihren Alltag wieder so einzurichten, dass sie wieder vollkommen überfordert und gestresst sind. Solange sich die inneren Zustände nicht verändern, ändert sich auch häufig im Außen nichts.

Hinzu kommt, dass die meisten Menschen sich ständig im Kopf befinden und ihren Körper nicht spüren. Sie denken, denken und denken bis in die Depression, in ein Burn Out oder einfach in ein unglückliches und unbefriedigendes Leben. Ständige Eigenbewertung oder Abwertung, Grübeln oder Träumen gibt Menschen das Gefühl, nicht wirklich zu leben.

Ich habe dank meiner Körperpsychotherapie-Ausbildung gelernt, dass der Körper den seelischen Zustand spiegelt und ich viele Informationen über meine Klienten bekomme, in dem ich ihren Körper beobachte und zu mir „sprechen“ lasse. Dabei stellte ich immer häufiger fest, dass viele meiner Klientinnen und Klienten gestresst vor mir saßen und mich immer gut im Auge behielten – und das, obwohl ich wusste (und sie es mir auch bestätigten), dass sie mir sehr vertrauten.

Was war also falsch?

Mir wurde klar, dass ich in der therapeutischen Situation, also dem klassischen Einzeltherapie-Setting, eine Situation für die Klienten wiederholte, die sie aus traumatischen Situationen kannten. Die meisten Menschen, die etwas sehr unangenehmes oder gar überwältigendes mit einem anderen Menschen erlebt haben, waren dabei alleine mit dieser Person.

Selbst wenn das Bewusstsein einer Person sich darüber klar ist, dass ich ungefährlich bin (und seien wir ehrlich, nur weil mein Türschild mich als Therapeutin ausweist, heißt das noch lange nichts über meine Persönlichkeit oder mein Charakter oder meine Intentionen), so behält das Stammhirn oder die Instinktebene doch die Hab-Acht Stellung bei. Einfach weil wir gemeinsam alleine bei geschlossener Tür in einem Raum sind.

Mir wurde ebenso klar, dass auch das immerwährende „angeschaut werden“ oder zumindest im Blick der Therapeutin zu sitzen für viele Menschen unangenehm ist. Als Menschen mögen wir es nicht, ständig angeschaut zu werden. Wir fühlen uns dann beobachtet und unwohl. Es gehört zu den irrigsten therapeutischen oder pädagogischen Annahmen, dass man immer Blickkontakt halten muss, um seine Aufmerksamkeit auszudrücken.

Eine Möglichkeit, dies zu vermeiden, ist es zum Beispiel, mich neben meinen Klienten zu setzen und sie aus meinem direkten Blick zu „entlassen“. Für viele bedeutet das eine ungeheure Erleichterung und sie können sich plötzlich viel besser auf sich selbst konzentrieren und bei ihren eigenen Gefühlen bleiben.

Es ist tatsächlich für die meisten Menschen so, dass sie sich selbst nicht mehr wirklich spüren, wenn sie in nahen Kontakt mit jemandem treten. Wir lösen unsere Grenzen oft im Kontakt auf, was uns leider auch immer wieder dazu bringt, Dinge zu tun, die wir unter Umständen hinterher bereuen.

Wir alle wissen unbewusst, wie und wo wir die besten Gespräche führen

Wir gehen dabei spazieren, wir fahren Auto, wir waschen gemeinsam ab. Das sind alles Situationen, bei denen man sich nicht anschaut. Man nennt dies eine Situation mit „Joint Attention“, das bedeutet, dass beide die Aufmerksamkeit auf einen gemeinsamen Punkt außerhalb von sich gelenkt haben: Beide schauen nach vorne. In dieser visuellen Ausrichtung fällt es uns leichter, auch über schwierige Themen zu reden.

Der Durchbruch in Richtung Gruppenpsychotherapie kam dann letztendlich, als Klienten gleichzeitig eine Ausbildung bei mir machten. Ich bemerkte, dass sie in der Gruppe viel tiefer in ihre Erfahrungen eintauchen konnten und sich viel offener zeigen konnten als alleine mit mir im Einzelsetting.

Ich wusste, dass der Unterschied nicht an der Vertrauensbasis lag. So wurde mir klar, dass es daran liegen musste, dass das Stammhirn in der Gruppensituation offensichtlich befriedet war. Es waren genügend Menschen als Schutz im Raum!

Wir sind soziale Wesen, und zwar soziale Gruppenwesen. Schon lange weiß die Glücksforschung oder auch die Netzwerkforschung, dass wir ein „Eingebundensein“ in eine Gruppe brauchen, um wirklich glücklich und zufrieden zu sein.

Mein Ansatz der Gruppentherapie

Wir alle wissen, dass es anders ist, mit mehreren Menschen zu essen oder zusammenzusitzen. Es macht uns anders glücklich, als wenn wir nur mit unseren Partnern oder einem Freund zusammen sind.

Aus diesem Grund habe ich das Konzept der Gruppe Lebensprozesse entwickelt. Hier geht es darum, gemeinsam Dinge zu erfühlen und zu erfahren und sich gegenseitig dabei zu unterstützen, Themen zu bearbeiten. Die Ermächtigung der Gruppe, sich gegenseitig immer mehr zu stützen und zu begleiten, ist ein mir wichtiger Teil der gemeinsamen psychotherapeutischen Arbeit. Themen wie Kontakt und Beziehung, Kommunikation und Bedürfnisse, Grenzen und Glaubenssysteme sind Themen, die man häufig viel besser in einer Gruppe bearbeiten kann als im Einzelsetting. Doch auch die Bearbeitung von Scham und traumatischen Ereignissen kann Teil von Gruppenpsychotherapie sein. In unserer Gruppe „Lebensprozesse“ steht die sanfte Arbeit mit dem Körper und der Körperwahrnehmung, die innere Achtsamkeit und das Beobachten von inneren Prozessen, ohne von ihnen überwältigt zu werden, im Vordergrund.

Allerdings ist eine Grundstabilität mitzubringen, da man nicht nur mit den eigenen Gefühlen konfrontiert wird, sondern auch die anderer Menschen aushalten muss. Auch ist ein Interesse an den Prozessen der anderen Teilnehmer wünschenswert, da es nicht immer nur um die eigene Person geht. Dadurch, dass wir die Gruppe langfristig angelegt haben und die Gruppe stabil über 11 Termine zusammenbleibt, kann echtes Vertrauen entstehen und immer tiefere Prozesse und Begegnungen stattfinden.

Einzeltherapie hingegen ist sinnvoll, wenn Menschen für ihre Themen die gesamte Aufmerksamkeit des Therapeuten für sich benötigen und es sie zu viel stresst, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten.

Über die Einzeltherapie zur Gruppe

Manchmal ist es auch sinnvoll, sich erst einmal in einer Einzeltherapie besser kennenzulernen, sodass man ein Grundwerkzeug an Selbstreflexion und dem Verbalisieren von Gefühlen gelernt hat – dies ist für Gruppen sehr sinnvoll.

Sollten Themen zu heftig sein, um sie in einer Gruppe zu bearbeiten oder jemand zu instabil sein, um ein ganzes Wochenende mit sich und anderen zu arbeiten, so ist diese Gruppe keine Alternative zur Einzeltherapie. Ein weiteres Ausschlusskriterium für Gruppenpsychotherapie in einem nicht klinischen Setting, wie wir sie anbieten, sind Persönlichkeitsstörungen.

Sinnvoll ist es in jedem Fall, Ihre Wünsche in einem persönlichen Gespräch abzuklären und gemeinsam festzustellen, ob die Gruppe „Lebensprozesse“ für Sie geeignet ist.

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