Was ist psychische Gesundheit?

Psychische Störungen und psychische Gesundheit

Wenn du überlegst, eine Therapie machen zu wollen, dann ist dein Lebensgefühl vermutlich sehr getrübt, sei es durch äußere Ereignisse oder durch innere Missstimmungen. Vielleicht hast du auch schon einmal das Gefühl empfunden, geistig nicht ganz gesund zu sein ... und solche Gefühle ängstigen natürlich.

Bei den psychischen Störungen unterscheidet man verschiedene Erscheinungsbilder, die sehr unterschiedliche Stärkegrade haben und somit das Leben sehr unterschiedlich beeinflussen. Die bekanntesten Begriffe sind wohl die der Neurose und die der Psychose. Unter Neurose versteht man eine „Verhaltensstörung“, die länger andauert und durch die Umwelt entstanden ist.

Trotz dieser Störung ist die Person klar in der Realität verankert und kann das eigene Verhalten reflektieren und den Ursachen auf den Grund gehen.

Psychotiker, also Menschen die unter einer Psychose leiden, sind im Gegensatz dazu nicht in der Realität verankert und nicht fähig, ihre Störung zu erkennen. Da die Übergänge zwischen den beiden „Störungen“ fließend sind, wird in neueren Definitionssystemen (DSM – Internationales Handbuch zur Klassifizierung von psychischen Störungen, ICD 10 – Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) der Begriff der Neurose nicht mehr verwendet. Das bedeutet in der Praxis, dass es in den Definitionen von Krankheits- oder Störungsbildern eine große Grauzone gibt, die der Subjektivität der Therapeutin unterliegt.

Gerade die psychische Krankheit wird von der Umwelt definiert. Bis vor wenigen Jahren galt zum Beispiel Homosexualität noch als Krankheit, während es eine Störung wie ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) noch gar nicht gab.

Menschen, die einen nahen Angehörigen verloren hatten, wurde vor kurzem noch ein Trauerjahr zugestanden. Die Menschen trugen schwarz, um der Gesellschaft zu signalisieren, dass sie trauerten. Im neuen DSM gesteht man den Menschen lediglich noch eine Woche für ihre Trauer zu, bevor diese pathologisiert wird.

Ich überlasse dir die Entscheidung, ob die Menschen, die diese Definition festgelegt haben, unter Umständen eine psychische Störung haben oder die, die länger als eine Woche trauern…

In den Klassifikationssystemen DSM und ICD 10 unterscheidet man folgende psychischen Störungen:
  • organische Störungen, wie z. B. Demenz,
  • psychische Störungen und Verhaltensstörungen, die durch Substanzmissbrauch, z. B. Alkohol hervorgerufen werden,
  • psychische Störungen und Verhaltensstörungen, die durch Substanzmissbrauch, z. B. Alkohol hervorgerufen werden,
  • wahnhafte Störungen und Schizophrenie, die zu den Psychosen gezählt werden,
  • affektive Störungen, zu denen Depressionen und bipolare Störungen gehören,
  • neurotische Störungen, zu denen auch Angst-und Zwangsstörungen zählen,
  • Verhaltensauffälligkeiten mit körperlichen Störungen, dazu gehören z. B. Magersucht und Bulimie,
  • Persönlichkeitsstörungen, zu denen die Borderlinestörung und die narzisstische Persönlichkeitsstörung gerechnet werden,
  • posttraumatische Belastungsstörung, die durch überwältigende Lebensereignisse hervorgerufen werden.

Wenn du an dem Punkt angelangt bist, an dem du eine Therapie machen möchtest, wirst du dich wahrscheinlich in folgenden Gruppen wiederfinden:
  • Depression
  • Angststörungen
  • posttraumatische Belastungsstörung
  • Persönlichkeitsstörungen
  • neurotische Störungen
  • burn-out

Vielleicht fühlst du dich aber auch einfach nur unwohl in und mit deinem Leben, hast Beziehungsschwierigkeiten oder ein zu geringes Selbstwertgefühl.

In jedem Falle ist aber wichtig für dich zu wissen, dass, wenn du mit dem Wunsch, eine Therapie beginnen zu wollen, zu einem niedergelassenen Psychotherapeuten oder auch zu deinem Hausarzt gehst, du eine Diagnose gestellt bekommst, die dich für den Rest deines Lebens begleiten wird. Und das ist nicht immer nur von Vorteil!

Gerade wenn dir z. B. eine Persönlichkeitsstörung zugeschrieben wird – übrigens eine sehr schwerwiegende Diagnose – solltest du unbedingt eine zweite Meinung einholen. Denke immer wieder daran, dass Diagnosen sehr subjektiv sind und dass es sich immer lohnt, eine zweite Fachperson hinzuzuziehen.

Außerdem stellt sich die Frage, ob dir eine Definition deiner Störung wirklich weiterhelfen kann, wenn du nicht weißt, welche Kriterien es für psychische Gesundheit überhaupt gibt.

Es stellt sich die Frage:

​Was ist eigentlich psychische Gesundheit? wir machen uns wesentlich mehr Gedanken darüber, was es bedeutet "eine Störung" zu haben, als darüber was psychische Gesundheit eigentlich sein könnte. Wir streben also noch Veränderung oder Heilung, ohne uns darüber bewusst zu sein, was unser Ziel eigentlich ist oder sein könnte.

Die meisten Menschen wissen grundsätzlich eher, was sie nicht wollen, als das was sie wollen. Es scheint uns leichter zu fallen zu sagen, wo wir nicht hin wollen als unsere Ziele zu definieren.

Hier findest du also eine Anleitung dafür, wo du vielleicht hin möchtest.

Welche Fähigkeiten muss ein Mensch haben, damit er sich im Leben zurechtfinden, Bindungen eingehen und ein kohärentes (zusammenhängendes/stimmiges) Selbstgefühl haben kann?

Daniel Siegel – ein sehr bekannter amerikanischer Neuropsychologe und Gründer der Methode „Interpersonal Neurobiology“ – hat die zehn unten aufgeführten Punkte zusammengefasst, die er für unabdingbar für unsere soziale und persönliche Integrität hält.

1. Die Regulation des Körpers
Dies ist eine grundlegende Funktion, die gegeben sein muss, damit wir uns wohlfühlen. Schmerzzustände deuten auf eine Dysregulation in diesem Bereich hin. Der Körper versucht, so lange wie nur irgend möglich alle Funktionen aufrecht zu halten. Kann er dies nicht mehr leisten, so kompensiert er durch Schmerzen.

2. Die Balance von Emotionen
Wir brauchen die Regulation von optimalem Flow – nicht zu hoch und nicht zu niedrig erregt. Die Balance von Emotionen ist eine der wichtigsten Regulationssysteme überhaupt. Wer einmal depressiv oder von Ängsten geplagt war oder wer zu Wutanfällen neigt, weiß was es bedeutet, wenn diese Funktion nicht gut ausbalanciert ist.

3. Eingestimmte Kommunikation
Dies ist die Fähigkeit, sich auf jemanden einzustimmen und ihm oder ihr voll präsent zugewandt zu sein.

4. Angstbegrenzung, Verhinderung von Angst
Dieser Punkt ist selbsterklärend – niemand mag gerne mit Angst durch die Welt laufen.

5. Die Fähigkeit, zwischen Reiz und Reaktion zu pausieren
Die Fähigkeit, adaptiv und flexibel zu sein, wird häufig unterschätzt, vor allem ihre Auswirkung darauf, wie viele Gestaltungsmöglichkeiten wir dadurch im Leben haben oder nicht haben. Es bedeutet, auch bei einem starken Reiz noch die Möglichkeit zu haben, darüber zu entscheiden, wie man reagieren will, und nicht erst zu reagieren und dann mitzubekommen, welche Konsequenzen sich aus der Reaktion ergeben.

6. Die Einsicht, sich selbst bewusst wahrnehmen
Ein nicht ganz unwesentlicher Bestandteil für ein erfülltes Leben ist die Fähigkeit, sich selbst im Fluss der Zeit wahrzunehmen und das eigene Verhalten und Wirken realistisch einzuschätzen. Schaut man ab und an Castingshows, so kann man manchmal daran zweifeln, dass dies noch eine verbreitete Fähigkeit ist….

Sich selbst im Fluss der Zeit wahrzunehmen ist sehr wichtig für eine Zukunftsplanung und auch dafür, Dinge hinter sich lassen zu können.

7. Empathie
Die Fähigkeit, sich in jemand anderen einzufühlen, ist ungeheuer wichtig für jede Art von Beziehung und sozialem Miteinander.

8. Die Kapazität für Moralempfinden
Menschen können nur miteinander leben, wenn sie sich an bestimmte kulturelle Regeln halten. Moral enthält diese Regeln, und es ist sehr bedeutsam, dass Menschen eine Empfindung dafür haben, wenn sie moralische Grenzen überschreiten.

9. Bindungsfähigkeit
Durch diese Fähigkeit entstehen erst alle anderen Fähigkeiten. Ohne Bindung und die damit verbundene Sicherheit kann der präfrontale Kortex nicht optimal reifen. Dazu an anderer Stelle wesentlich mehr. Außerdem ermöglicht uns Bindungsfähigkeit, schöne und vertrauensvolle Beziehungen zu führen.

10. Intuition und Interozeption (innere Wahrnehmung der Körperempfindungen)
Durch das Empfangen der Körperdaten über den Hirnstamm und deren Auswertung wissen wir über unseren inneren Zustand Bescheid und können gegebenenfalls gegenregulieren, sodass zum Beispiel ein Burn-out gar nicht erst entstehen kann.
Die Repräsentation des Körpers ist für jede tägliche Tätigkeit wichtig. Erst durch Interozeption wird Empathie möglich. Dies bedeutet, dass wir andere nur fühlen können, wenn wir uns selbst fühlen.

​Der Sitz der Persönlichkeit

All diese Prozesse werden im sogenannten mittleren präfrontalen Kortex, der direkt hinter den Augen sitzt reguliert. Du kannst dir das Gehirn als Modell vorstellen, in dem du deine Hand zur Faust machst und den Daumen mit den Fingern umschließt.

Wenn du die Handinnenfläche zu dir drehst, siehst du nun das Gehirn von vorne.

Das Handgelenk und der Übergang zur Handinnenfläche stellt das sogenannte Stammhirn dar, welches alle Instinkte und Körperreaktionen steuert. Die Finger repräsentieren das Großhirn, also den Kortex. Die Nägel und das erste Glied der Finger sind dann der präfrontale Kortex. Darunter liegt dein Daumen, welcher das limbische System, den Sitz der Emotionen darstellt.

Der präfrontale Kortex, von dem man bis vor 15 Jahren noch fast nichts wusste, gilt heute als Sitz der Persönlichkeit, und je integrierter und organisierter dieser ist, desto freier sind wir von schädlichen Mustern und desto mehr können wir unser Leben genießen und fühlen uns mit anderen Menschen und der Welt verbunden.

Nun hast du einen kurzen Überblick darüber, was man unter psychischer Gesundheit verstehen kann. Letztendlich ist meiner Meinung nach ausschlaggebend für unser Leben, wie wir uns fühlen. Ist deine Grundstimmung eher aufgehellt und positiv und du kannst dich über dein Leben freuen? Dann ist es gut. Sind deine Tage eher von Leiden und Unzufriedenheit geprägt, dann willst du sicher irgendwann etwas ändern. Und das ist gut so.

Ein wichtiger Faktor ist die Qualität deiner Beziehungen und was andere Menschen dir als Rückmeldung geben. Es gibt den Spruch, dass wir die Summe der 5 Menschen sind, die uns am nächsten sind. Tatsächlich sagen deine Freunde sehr viel über dich aus. Wie ist ihr Leben? Sind sie glücklich?

Außerdem ist die Rückmeldung anderer Menschen nicht zu unterschätzen. Leider gibt es viele Menschen, die sich für vollkommen in Ordnung halten – aber ihr Umfeld leidet erheblich.

Ein Ausbilder sagte mal: „Es gibt Probleme, die sind wie Zwiebeln und andere wie Knoblauch. Bei Zwiebeln weint die Person selbst, bei Knoblauch leiden nur alle anderen“

Sollten deine Beziehungen und Freundschaften von Nähe, Vertrauen und Freude aneinander geprägt sein, so besteht die gute Chance, dass recht viel in Ordnung mit dir ist!

Und unter uns: Macken wirst du immer haben und behalten – man nennt sie auch manchmal Charaktereigenschaften.

So lange du gut mit ihnen leben kannst und dein Umfeld auch, ist alles in Ordnung mit dir. Menschen sind nicht auf der Welt um perfekt zu sein, sondern um zu lernen, zu wachsen, zu leben und zu lieben.