Apr 09

Wie ​finde ich einen guten Umgang mit meinen Eltern?

Wie gehe ich mit meinen Eltern um?
Darf ich den Kontakt abbrechen?
Wie kann ich den Kontakt so gestalten, dass es mir hinterher noch gut geht?

Das sind Fragen, die ich immer wieder gestellt bekomme und die fast jede und jeden irgendwann betreffen. Gerade wenn Eltern älter werden, müssen Entscheidungen getroffen werden, darüber wie engagiert man selbst sein möchte oder eben auch nicht.

Gerade wenn man eine schwierige, traumatische oder lieblose Kindheit hatte, sind diese Fragen oft sehr schwer zu beantworten (oder auch manchmal ganz einfach).

Für den Umgang mit den eigenen Eltern gibt es natürlich keine Richtlinien und keine Wahrheiten. Es gibt nur Versuche und Lösungen, die jeder Mensch ganz individuell für sich finden muss.

​Du musst gar nichts!

Weder muss man Eltern alles verzeihen, noch muss man mit den Eltern alles aufarbeiten, noch muss man den Kontakt halten oder den Kontakt rigoros abbrechen. Du musst einfach sehen, was für dich gut und für dein Leben sinnvoll ist!

Möchtest du die Frage nach dem Umgang mit deinen Eltern, nach ob Kontakt und wieviel Kontakt für dich beantworten, so ist es meiner Meinung nach wichtig,  dich zu fragen, welche Intention du hast, Kontakt mit deinen Eltern zu halten.

Warum möchtest du Kontakt haben? Geht es dir darum, endlich doch noch Liebe zu bekommen? Gibt es in dir immer noch den Funken Hoffnung noch ein "Es tut mir leid." zu hören oder endlich gesehen zu werden?

​Abschied von der Hoffnung

Das sind meist sehr schlechte Gründe, um Kontakt aufrecht zu erhalten, denn meist geht die Enttäuschung und Verletzung dann einfach weiter. Leider ist es so, dass wir oft mehr und verzweifelter an Menschen hängen oder uns um diese bemühen, bei denen wir nie landen können und konnten. Wir haben uns nie satt und geliebt gefühlt und das lässt uns mehr gebunden sein als wenn wir alles bekommen hätten. Leider.

Ich kann dir aus meiner jahrelangen therapeutischen Erfahrung heraus sagen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass du noch bekommst, was du erhoffst, unglaublich gering ist. Der Weg ist, diesen Mangel und das Geschehene zu betrauern, zu verarbeiten und dann Menschen zu suchen, die sich an dir freuen und dich mögen oder gar lieben. Lass die Hoffnung fahren, denn Hoffnung ist manchmal Gift für unser Leben. Das ist ein schwieriger und häufig langer Prozess, macht aber den Weg für dich frei, anders in dein Leben zu gehen.

Der Umgang mit deinen Eltern wird durch diesen inneren Abschied von der Hoffnung mit Sicherheit auch ein Stück einfacher.

​Kontakt ohne Beziehung

Eine Autorin, deren Namen ich leider vergessen habe, macht den Vorschlag "Kontakt ohne Beziehung" mit Eltern zu halten. Diese Idee finde ich sehr gut, auch wenn ich denke, dass es für viele nur sehr schwer umzusetzen ist.

Es bedeutet, dass ich zwar Kontakt halte, aber keine Beziehung erwarte und du deine Eltern ein bisschen wie andere Menschen in deinem Umfeld sehen und behandeln kannst. So entsteht ein durchaus oft gesunder Abstand und die Erwartungshaltung verschwindet zu großen Teilen.

Allerdings wird dieser Abstand wahrscheinlich immer wieder zusammenbrechen, da es fast unmöglich ist, mit Menschen, denen man innerlich so nah war (oder ist) so distanziert zu sein, dass auch verletzende Aussagen nicht treffen.

So kann es gut für dich sein, dir vor jedem Kontakt bewusst zu machen, was du erwartest und was du von dem Kontakt möchtest, um dann zu entscheiden, wie du mit deinen Eltern umgehen willst. Es kann auch von Vorteil sein, dir sehr bewusst zu machen, wie es dir gerade geht, denn es gibt natürlich Stimmungen, in denen du nicht so stabil bist.

Was mir wirklich wichtig ist, ist dich von dem Gefühl der Verpflichtung zu entbinden. Es gibt kein Gesetz, dass dich verpflichtet, Kontakt mit deinen Eltern zu halten. Du würdest doch auch bei anderen Menschen, die dir nicht gut tun oder schaden, den Kontakt abbrechen, oder? 

Die liebe Moral

Beim Thema Umgang mit Eltern spielt leider immer viel zu viel Moral mit in die Diskussion herein und beeinflusst das Denken.

Wir alle müssen damit leben, dass Menschen uns auf Grund unserer Person, unseres Charakters, unserer Handlungen, unserer Meinungen etc. vielleicht nicht mögen und wieder aus unserem Leben entschwinden. Warum sollte dies für Eltern anders sein?

Wie auch immer, es gibt hier keine Wahrheit, sondern nur Meinungen. Du musst deine Meinung und deinen Standpunkt finden und dieser sollte dir selbst auf keinen Fall schaden!

Im Video spreche ich noch ein wenig ausführlicher über das Thema:

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Transkript

Umgang mit den Eltern

Familie um jeden Preis?

Eltern sind ein heißes Thema und die Idee, dass es irgendwann vorbei ist, ist meiner Meinung nach ziemlich illusorisch. Sie sind unsere Eltern, das heißt, sie hinterlassen die größte Prägung in unserem Leben, und der Wunsch, von seinen Eltern geliebt zu werden, ist einfach sehr, sehr groß in Kindern.

Die Frage, die ich immer wieder gestellt bekomme, vor allem während der Onlinekurse, ist: Wie gehe ich mit meinen Eltern um? Darf ich mich von meinen Eltern trennen? Muss ich die sehen, gehört sich das so?

Meine Meinung ist ganz sicher nicht repräsentativ, auch nicht für Therapeuten. Meine Meinung ist, dass ich alles machen darf, was mir guttut – schlicht und einfach. Warum sollte ich mit Menschen Umgang haben, die mir nicht guttun und mich immer wieder zurückwerfen in meiner eigenen Arbeit, meine Geschichte zu verarbeiten. Wir müssen wirklich auch sehen, dass wir da sehr christlich geprägt sind, egal, ob wir christlich erzogen worden sind oder nicht. Das wirkt einfach, und das wirkt auch in Therapien hinein, dieses „Du sollst deine Eltern ehren“. Überall kriegen wir immer wieder mit, dass man gnädig sein soll mit seinen Eltern, dass man sie „ehren“ und lieben soll, dass man sie verstehen soll und so weiter und so fort. Das kann man alles tun, damit habe ich kein Problem, aber das Wichtige ist, dass Du darauf achtest, wie es Dir damit geht, und dann immer wieder entscheidest. Das ist unter Umständen nicht eine Entscheidung, sondern ganz viele.

Geben und nehmen

Ich persönlich glaube daran, dass wir gerade im sozialen Bereich ein Stück wiederbekommen. Wir ernten, was wir sähen, wenn wir schon bei den christlichen Motiven sind. Ich glaube, dass ich, wenn ich meine Beziehungen positiv gestalte, da etwas hineingebe, andere Leute fördere, sie unterstütze, ziemlich sicher sein kann, auch etwas zurückzubekommen. Wenn ich das nicht tue, bin ich wahrscheinlich irgendwann alleine, weil niemand mehr Lust auf mich hat

Du bist, meiner Meinung nach jedenfalls, als Kind nicht verpflichtet, das auszubügeln und für Eltern da zu sein, die kein Umfeld mehr haben – außer vielleicht, sie sind so alt, dass das ganze großartige Freundschaftsumfeld inzwischen gestorben ist, das ist natürlich ganz schlimm. Aber dann wirst Du Eltern haben, zu denen Du gerne gehst. Wenn sie so viel soziales Leben hatten, sind das wahrscheinlich auch Menschen, die im Umgang ganz angenehm sind und mit denen man Zeit verbringen möchte.

Wenn ich das ganze Brimborium, das „Ich muss jemandem verzeihen“ oder „Ich muss für jemanden da sein“, weglasse, geht es darum, zu schauen: Tut es Dir gut, mit Deinen Eltern Zeit zu verbringen, oder schadet es Dir womöglich, oder ist das Gefühl neutral, weil sie viel für Dich getan haben und Du jetzt etwas für sie tun möchtest? All das ist okay. Das Wichtige ist: Wie geht es Dir?

Du bist nicht in der Pflicht, Dich zu kümmern. Du bist vor allem nicht in der Pflicht, Dich um jemanden zu kümmern, der Dir ein Leben lang geschadet hat und das vielleicht bis heute tut, bei dem Du nach jedem Besuch drei Tage brauchst, um Dich wieder zusammenzubasteln. Freunde würdest Du dann doch auch nicht mehr besuchen. Das ist für mich die Richtlinie.

​Versuche die Perspektive zu wechseln

Was ich ganz oft rate, ist: Stell Dir vor, Du siehst Deine Eltern im Café an, sie sitzen drei Tische weiter oder Du siehst sie von außen durch die Scheibe, und siehst sie einfach nur an, als erwachsene Menschen, die da sitzen. Und dann schaust Du: Sind das Menschen, mit denen Du Freude haben würdest? Mit denen Du befreundet sein wollen würdest, die Du besuchst, die Dir zuhören, die Spaß machen, die interessant sind, die etwas zu sagen haben, die weise sind?

Vor allem finde ich wichtig, sie mit so viel Abstand und neutral anzusehen, weil Du viele Zuschreibungen über Dich selbst von ihnen übernommen hast. Sieh Dir die Leute an, diese Menschen, die Deine Eltern sind, und schau, ob das Menschen sind, von denen Du Zuschreibungen übernehmen würdest, denen Du glaubst, die weise sind und herzlich. Denen Du glaubst, dass sie etwas Gutes, etwas Zutreffendes über Dich sagen, und denen Du nacheifern willst in Deinem Leben, weil sie so glücklich sind, so weise, und von denen Du Rat annehmen willst. Oder siehst Du einfach Menschen, die sehr verstrickt sind, die womöglich ziemlich ignorant sind, die bitter sind, die was weiß ich was sind, und trotzdem glaubst Du ihnen mit 30, 40, 50 immer noch alles, was sie Dir über Dich erzählt haben.

Was ist das Das Beste für Dich?

Vielleicht hilft Dir das, da ein wenig Abstand hineinzubekommen und zu entscheiden, wie viel Kontakt Du möchtest. Es gibt keine Regel, wie viel das sein muss. Lass Dir nichts erzählen, nicht von Büchern, nicht von Therapeuten, nicht von Priestern, es gibt keine Regel. Die einzige Person, die entscheiden kann, wie viel Kontakt Du möchtest, bist Du. Punkt. Nicht ich, nicht irgendjemand. Du musst das entscheiden und Du musst spüren, tut mir das gut, ist das richtig für mich, und wenn Du es nicht tust, gibt es keine Absolution für Dich. Keiner wird sagen, das ist super, Deine Eltern auf keinen Fall. Vielleicht ein paar Freunde, wenn Du Glück hast.

Das schlechte Gewissen ist Dein Bearbeitungsthema. Aber wenn man im Leben immer nur Dinge tut, damit man kein schlechtes Gewissen hat, dann hat man kein gutes Leben, das kann ich Dir sagen. Denn Du bist immer nur damit beschäftigt, andere glücklich zu machen, damit Du bloß kein schlechtes Gewissen haben musst, wenn die sagen, dass Du nicht genug gemacht hast. Das eigene schlechte Gewissen ist ein ganz schlechter Ratgeber, vor allem, weil Du es bei Deinen Eltern gelernt hast. Deshalb wissen sie ganz genau, welche Klaviatur zu spielen ist – und alle Menschen, die dir nahekommen, wissen das auch.

Das als Denkanregung. Es ist ein schwerer Weg, der da zu finden ist, wie Du Dich positionieren willst. Aber er lohnt sich, denn Du solltest schauen, was Du brauchst, damit es Dir immer besser geht, und damit Du Dich nicht immer wieder zurück in den Sumpf ziehst, weil Du immer wieder dieselben Verletzungen bekommst.

Deine Erwartungen reflektieren

Noch als Abschluss: Wenn Du zu Deinen Eltern gehst, dann sieh Dir an, in welcher Intention Du gehst. Möchtest Du immer noch geliebt werden, möchtest Du Zuwendung bekommen, möchtest Du das bekommen, was Du nie bekommen hast? Und dann schau sie Dir an und frage Dich: Bekommst Du das, wirst Du das jemals bekommen? Wirst Du das von diesen Menschen jemals bekommen? Wenn es ein Nein ist, was sehr wahrscheinlich ist, weil wenn sie es Dir in den letzten 20, 30, 40, 50 Jahren nicht gegeben haben, werden sie es Dir wahrscheinlich auch jetzt nicht geben, dann lass es los.

Betrauere es. Du kannst trotzdem Kontakt haben, kannst trotzdem hinfahren, aber ohne die Erwartung, dass irgendetwas sich ändert. Betrauere es, lass es los. Das ist unglaublich traurig, unglaublich schmerzhaft, aber es wird Dir helfen, ein anderes Verhältnis, einen anderen Umgang zu finden, der Dich freier sein lässt.

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