Aug 14

Trauma und die Suche nach der (ER-)Lösung

Es gibt keine Frage, die ich häufiger gestellt bekomme per Mail als die nach einem Tipp, der das gefühlte Leiden mindert. Ich verstehe die Not, in der viele Menschen sich befinden. Aus meiner eigenen Erfahrung heraus und der Erfahrung nach 20 Jahren psychotherapeutischer Begleitung ist jedoch, dass diesen Tipp, diesen einen Rat, der die Lösung bringt nicht gibt. Leider. Ich wäre die erste, die diesen Rat im Netz verbreiten würde.

Noch ein Schritt und ich bin da

In unserer Kultur bekommen wir weis gemacht, dass es nur einer kleinen Veränderung, einer kleinenWillensanstrengung bedarf, um sein Leben zu ändern und dem vollkommenen Glück im Leben zu begegnen. Meiner Meinung nach ist das - ich sage das jetzt mal so offen - einfach Quatsch und Volksverdummung. Die wenigsten Menschen können die ganzen Tipps, die es auf dem Selbsthilfemarkt gibt, umsetzen. Könnten wir es, wären wir ein Volk von glücklichen Menschen. Leider hinterlassen diese Vorstellungen bei denen, die sie ausprobieren und keinen Erfolg damit haben, immer das Gefühl selbst versagt zu haben. Das hast du nicht! Veränderung ist nicht einfach und nicht schnell.

Tiefe Wunden hinterlassen tiefe Muster

Gerade Schocktrauma und Entwicklungstrauma hinterlassen tiefe Wunden und mit diesen verbunden, tiefe Muster. Je furchtbarer eine Erfahrung war, desto mehr gräbt diese sich in unser Nervensystem und desto nachhaltiger wird sie gespeichert - auch wenn wir uns der Erfahrung selbst nicht mehr bewusst sind.

Deshalb brauchen wir liebevolle Geduld mit uns und müssen den Weg Schritt für Schritt gehen und lernen jeden neuen Schritt zu feiern! Denn alleine die Tatsache, dass du immer weiter gehst macht dich schon zur Heldin!

Auf der Suche nach Er-Lösung

​Das Thema heute, das für beide Blogs so interessant ist, behandelt eine der Hauptfragen, die ich per Mail bekomme: „Hast Du mal einen Tipp für mich?“. Es ist mir ein Anliegen, darauf einzugehen.

Auch in den Kursen, vor allem in den Onlinekursen kommt immer wieder: „Ich habe das und das Symptom, hast Du einen Tipp für mich, hast Du eine Übung für mich?“. Das Dilemma ist, dass das Denken dahinter von unserer Gesellschaft zwar forciert wird, aber falsch ist. Ich wage mal, so eine globale Aussage zu treffen. Das Denken dahinter ist falsch. Es gibt keine Tipps für Symptome, oder besser gesagt, ich wage, es zu bezweifeln.

Wir sind keine Maschine

 Das Leben und wir, wir sind ein Prozess und keine statische Sache, bei der man sagt, das hat diese Ursache und darauf setze ich diese Übung und dann löst sich alles in Wohlgefallen auf. Wir haben dieses Denken stark in der Medizin gelernt: Ich habe dieses Symptom, also nehme ich jenes Medikament und dann ist das Symptom weg oder sollte es sein. Das Problem ist nur, dass, nur weil das Symptom weg ist, die Ursache nicht weg ist.

Das Symptom ist nie die Ursache

Jemand hat mal einen netten Vergleich gemacht, den ich ziemlich großartig finde: Schmerzmittel zu nehmen ist wie einen Stein im Schuh zu haben, ein Schmerzmittel zu nehmen und dann mit dem Stein im Schuh weiterzugehen. Das machen wir ständig. Wir möchten gerne einen „quick fix“, wie man im Amerikanischen sagt, also schnelle Lösungen und sofortige Befriedigung.

Schnelle Lösungen verkaufen sich gut

Das gibt es im Psychobereich nicht. Ich weiß, es verkauft sich super gut, die Bücher verkaufen sich, die Seminare verkaufen sich, die das versprechen, aber es funktioniert nicht. Ich kenne niemanden, weder Menschen, mit denen ich gearbeitet habe, noch mich selbst, noch in meinem Umfeld, die über ein Wochenende, ein Buch oder eine Übung völlig neue Wege haben gehen oder sich komplett neu fühlen haben können.

Es muss doch die eine Lösung für mich geben

„Gib mir die eine Sache, die mich zur Erlösung führt.“ Anscheinend zieht sich das überall durch, denn ich habe neulich ein Video von einem Fitnesstrainer gesehen, der gesagt hat, die Hauptfrage, die er bekommt, ist: „Mit welcher Übung werde ich sportlich?“ Die Antwort, die er dann immer gibt, ist die gleiche: Das ist ein Prozess. Es ist ein bisschen, als würde man fragen: „Von welchem Bissen meines Essens werde ich satt? Welcher Bissen genau von dem ganzen Essen macht mich satt?“ Den gibt es nicht, sondern das ganze Essen führt dazu, dass ich satt bin.

Veränderung ist ein Prozess und keine Entscheidung

Das heißt, wenn Du wirklich Dein Leben verändern möchtest und Dinge anders tun willst, dann ist das ein langer Prozess. Ich selbst würde sagen, ich bin seit ich einundzwanzig bin in diesem Prozess, das sind jetzt entspannte einunddreißig Jahre. Ich würde überhaupt nicht sagen, ich bin fertig, ich könnte höchstens sagen, ich bin inzwischen recht zufrieden und habe nie gedacht, dass ich überhaupt mal an so einem Punkt lande, an dem ich inzwischen bin. (Menschen, die „fertig“ sind, machen mir auch immer ein bisschen Angst.)

Dieser Weg braucht Mitgefühl für sich selbst

Ich würde Dich gerne ermuntern und Dir von Herzen sagen, dass das ein Weg ist, der Zeit braucht und Energie und Mitgefühl mit uns selbst und Wissen und Erfahrung. Das ist nichts, wo es durch irgendeine Übung eine Lösung gibt. Wenn Du kontinuierlich dranbleibst an Dir und lernst, worum es eigentlich geht, und zwar auf einer tieferen Ebene als viele Informationen, die so unterwegs sind, wirklich lernst, worum es eigentlich geht, dann entwickelt sich das. Ich versuche und hoffe, dass ich ganz viele Informationen auf meinen Webseiten zur Verfügung stelle, die ein bisschen mehr State of the Art sind, also auch mit einer wissenschaftlicheren Begründung jenseits von Glauben und Hoffen sind.

Das ist ein Weg, also nimm Dir die Zeit. Die eigene Persönlichkeit zu verändern, ist das Schwerste, was es gibt. Wir sind so tief geprägt, und das zu verändern geht nur in ganz kleinen Schritten. Wenn jemand sagt, so ein großes Stück geht, glaube es nicht, Du wirst ein kleines Stück gehen, ein noch kleineres wieder zurückfallen, das ist normal. Echte Veränderung bedeutet, dass wir Dinge integrieren, sie fühlen und anfangen, sie zu leben und zu atmen, und das braucht einfach Zeit.

Das Schlimmste kommt zu Schluss

Der Veränderungsprozess selbst ist manchmal so frustrierend, dass wir dann kurz vor Schluss aufgeben. Man fängt enthusiastisch an, ein bisschen wie Fitness am Anfang des Jahres, dann merkt man, shit, das macht Arbeit und ist auch noch anstrengend. Dann fällt man in das Tal der Tränen, dann gibt’s mal so Highlights und dann, wenn Muster wirklich anfangen, sich zu ändern, wird es, ganz untherapeutisch ausgedrückt, noch einmal richtig beschissen. Da geben viele auf, und wenn Du da dann dranbleibst und weiterlernst und weitermachst, dann plötzlich gibt es diese Veränderung, von der Du nicht weißt, woher sie kommt. Plötzlich denkst Du: „Das fühlt sich jetzt anders an, jetzt habe ich mich anders verhalten“, und Du hast nicht den Hauch einer Ahnung, was letztendlich dazu geführt hat – sondern es ist der ganze Weg, den Du gegangen bist.

Dein Leben ist eine Heldenreise

Bleib dran. Veränderung braucht Zeit. In unserer Welt will niemand mehr Zeit haben. Die Menschen lesen Zusammenfassungen von Büchern und skimmen Texte nur noch. Das wird nirgendwo hinführen, weil uns die Tiefe von Wissen und die Tiefe von Erfahrung verlorengeht. Ein Virtual Reality-Spiel am Computer, das durch Neuseeland führt, ist nicht Neuseeland fühlen. Das ist ein Unterschied und macht einfach etwas Anderes mit uns. Deswegen: geh hin, erfahre und lerne. Wenn Du einen Beruf wirklich perfekt lernen willst, brauchst Du Jahre und Jahre. Sie Dich selbst als Dein eigenes Meisterstück in diesem Leben. Gladwell hat ein Buch geschrieben, 10.000 Stunden Übung brauchen Leute, die Meisterschaft erlangen wollen in etwas. Also 10.000 Stunden investiert in Dich selbst, die beste Investition Deines Lebens. Bleib einfach dran, geh weiter, es gibt tiefe Täler, es gibt schöne Höhen auf dem Weg. Das wird immer so bleiben, egal, wo Du bist, das Leben ist einfach hoch und runter. Was wir lernen können, ist, das alles ein bisschen besser und dramenfreier zu durchlaufen, durch die Untiefen zu surfen und das Leben mehr zu genießen, denn letztendlich geht es auch darum, einfach lebendiger zu werden und die Schönheit dieses Daseins, dieses Lebens zu sehen und zu genießen.

Beerdige den Wunsch nach dem einen Tipp

Also keine Tipps, verabschiede Dich von der Idee, dass es Tipps gibt, verabschiede Dich von der Idee, dass es eine schnelle Erlösung und eine schnelle Lösung gibt, und ich bin mir sicher, dass Du letztendlich mit diesem Blick und dieser Einstellung wesentlich zufriedener und glücklicher bist, als wenn Du denkst, es muss irgendeine Erlösung geben. Das heißt nicht, um das noch hinterherzuschieben, dass ich jahrelang in einer Therapie bleibe, die mir nichts bringt, nur weil ich denke, jetzt muss ich überall dranbleiben. Das ist Quatsch. Wenn Du nach spätestens, spätestens einem Jahr nicht merkst, dass sich was tut bei Dir, bist Du falsch.

Der Weg lohnt sich, aber vergiss die Sache mit den Tipps und Tricks. Das zu sagen, war mir ein Anliegen, und ich hoffe, wir sehen uns bald wieder und dass es Dich zum Denken angeregt hat. Bis bald, tschüs, Dami.

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