Selbstregulation – das Thermometer unseres Lebens

Selbstregulation, das Wort haben die meisten Menschen noch nie gehört und doch ist es eine der wichtigsten Funktionen unseres Lebens. Sie entsteht in den ersten drei Lebensjahren und ihre Qualität wird durch die Qualität der Bindung und Qualität des Kontaktes mit unseren Bezugspersonen gebildet.

Die Stärke unserer Selbstregulation bestimmt wie glücklich wir sein können, wie viel Stressresistenz wir haben, wir gut wir Impulse regulieren können und wie stark wir auf stressige Reize reagieren. Dadurch bestimmt sie auch, wie gut wir sozial interagieren können und wie viel Überblick wir behalten, wenn Anforderungen an uns gestellt werden.

Eine gute Selbstregulation zu haben, bedeutet wählen zu können, sich wohl in der eigenen Haut zu fühlen und Neugier und Freude auf und über das eigene Leben als Grundgefühle zu haben.

Sind wir nicht fähig uns gut zu regulieren, so leben wir meist reaktiver und haben das Gefühl, dass das Leben uns steuert und wir immer nur auf Anforderungen reagieren. Wir leben in einem permanenten Gefühl der inneren Anspannung und sind im Funktionsmodus gefangen. Dadurch, dass wir häufig unser Körpergefühl verloren haben, fällt uns und Anderen dies oft erst einmal gar nicht auf. Mit der Zeit breiten sich jedoch Unzufriedenheit, Enttäuschung und vielleicht somatische Symptome in unserem Leben aus.

Bleiben wir zu lange im Funktionsmodus, dann fühlen wir uns erschöpft, ausgebrannt und freudlos. Vielleicht landen wir irgendwann im Burn Out, vielleicht bleiben wir auch Jahre in diesem Zustand stecken.

Autonomie und Beziehung, unvereinbar?

Die innere Ausrichtung ist dann, weiter funktionieren zu können. Menschen sind den ganzen Tag darauf angewiesen sich innerlich zumindest so regulieren zu können, dass sie in einem guten „Funktionsmodus“ bleiben können. In diesem Modus spüren wir uns zwar kaum, können aber unseren Aufgaben nachkommen.

Schaffen wir es nicht mehr, uns aus uns selbst heraus zu regulieren, dann greifen wir auf äußere Ressourcen – funktionale und dysfunktionale zurück.

Eine der Hauptquellen das Thermometer wieder in den optimalen Bereich zu regulieren ist Kontakt. Wir greifen dann auf die älteste Möglichkeit der Regulation zurück, die wir schon als Baby gelernt haben. Bei Stress hilft der Kontakt mit Mama. Auch als Erwachsene greifen wir auf diese Möglichkeit zurück (allerdings wahrscheinlich nicht mit Mama). Wir suchen Kontakt, in dem wir mit jemanden sprechen, eine Freundin anrufen oder unsere Beziehungspartner aufsuchen. Manchmal reicht sprechen jedoch nicht und wir suchen Körperkontakt. Wir wollen in den Arm genommen werden oder uns mal bei jemandem vertrauten im Arm ausweinen. Meist sieht die Welt dann schon anders aus und wir können uns beruhigen und neue Perspektiven einnehmen.

Für manche Menschen ist es allerdings innerlich nicht möglich mit ihrem inneren Leidensdruck zu anderen Menschen hin zu gehen. Dies liegt daran, dass sie es verlernt haben, um Hilfe zu bitten.

Für einige Menschen, die sehr unsichere Bindungen erlebt haben, ist es schier unvorstellbar, dass jemand anderes für sie da sein mag und es ist noch unvorstellbarer bei jemandem im Arm zu liegen und sich halten zu lassen. Dadurch, dass sie dies nie erlebt haben, liegt diese Erfahrung außerhalb ihres Vorstellungsbereichs. Sie müssen bzw. können dies aber nachlernen, wenn sie auf Menschen treffen, für die es selbstverständlich ist, jemanden in den Arm zu nehmen.

Dann gibt es noch diejenigen, die sich im Laufe ihrer Kindheit entschieden haben (meist ist dies eine unbewusste Entscheidung), niemanden mehr zu brauchen. Diese Entscheidung ist meistens das Resultat davon, dass sie als Kinder von ihren Eltern gedemütigt oder zurückgewiesen worden sind, wenn sie nicht alles alleine konnten. Oder sie haben gelernt, dass sie dann „überwältigt“ worden sind, sie hatten das Gefühl für jede „Schwäche“ einen Preis zu zahlen. Dies geschieht zum Beispiel, wenn ein Kind um Hilfe bittet um einen Baukastenturm höher bauen zu können und sich dann eine Bezugsperson dazu setzt und dem Kind erst einmal erklärt, was es alles falsch gemacht hat und dann den Turm alleine baut. Erfährt das Kind immer wieder, dass es entmündigt und entwertet wird, wenn es um Hilfe bittet, dann wird es meist irgendwann nicht mehr fragen.

Die meisten Menschen entscheiden sich irgendwann in ihrer Kindheit (wieder nicht bewusst, aber dennoch nachhaltig) zwischen dem Schutz ihrer Würde oder dem unbedingten Aufrechterhalten der Beziehung. Denken Sie einen Moment nach: Wenn Sie Streit mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin haben, ziehen Sie sich dann zurück oder werden aggressiv oder bemühen Sie sich auf Teufel komm raus darum, den Bruch wieder zu kitten?

Menschen, die Ihre Würde schützen, zahlen oft einen hohen Preis, da sie in die Autonomie flüchten. Sie schneiden sich ab von tiefen Beziehungen, verleugnen ihre Bedürfnisse, damit sie nie mehr jemanden brauchen und sich womöglich abhängig fühlen könnten.

Geschieht dies sehr stark und absolut bei Kindern, so haben die Eltern oder Pädagogen irgendwann keinerlei Einfluss mehr auf das Kind. Es wird jedes Beziehungsangebot abwehren und für viel Ärger sorgen.

Menschen, die immer für die Beziehung gehen, zahlen natürlich auch einen Preis: Manchmal ihre Würde. Sie bleiben zu lange und versuchen zu lange zu reparieren und die andere Person wieder in Beziehung zu bringen. Letztendlich kämpfen sie hier gegen ihre Angst vor dem Alleinsein, vor dem verlassen werden. Diese Angst ist so stark, dass dem vieles geopfert wird. Irgendwann muss man sich dieser Angst stellen, damit man neue Handlungsmöglichkeiten entwickeln kann und auch die eigene Würde schützen kann. Die Gesundheit liegt auch hier wieder in der Mitte. Es geht darum in Kontakt und tiefe Verbindung gehen zu können, um Hilfe bitten zu können und auch alleine für sich sorgen zu können und zur Not auch Kontakte abzubrechen, die einem nicht gut tun.

Fachsprachlich unterscheidet man zwischen Autoregulierern und Interregulierern, also Menschen, die sich versuchen immer selbst zu regulieren und Menschen, die sich hauptsächlich über den Kontakt mit anderen regulieren. Günstig ist, wenn man beides kann.

Es ist mir jedoch eine Herzensangelegenheit klarzustellen, dass kein Mensch sich vollkommen allein immer gut regulieren kann! Wir brauchen einander. Ab einem bestimmten Punkt der Dysregulation sind wir darauf angewiesen, dass wir uns an einen anderen Menschen anbinden können, um uns über diesen neu zu regulieren.

Schwach ausgebildete Selbstregulation

Ist unsere Selbstregulation grundsätzlich schlecht ausgebildet, dann benötigen wir eine ganze Zeit lang einen anderen Menschen, der uns mittels seinem eigenen Nervensystem hilft, uns neu zu justieren. Diesen Vorgang nennt man Co-Regulation.

Dies ist keine Schande, sondern einfach eine Tatsache des Lebens. Dies geschieht mittels Körperkontakt oder auch darüber, dass sich jemand in uns einfühlt, uns auch ohne Worte mal versteht: Wir regulieren uns, wenn wir das Gefühl haben jemand ist ganz präsent für uns da, ohne dass wir etwas tun müssen oder irgendwie sein müssen. Dann kommen wir zur Ruhe und können wieder in uns „hineinfallen“. Wir kommen wieder in uns an und können und neu orientieren und ins Leben gehen. Einen solchen Menschen zu finden, der so für uns da ist, ist ein echtes und seltenes Geschenk. Sollten Sie in Ihrer Umgebung einen solchen Menschen kennen, dann hüten Sie diesen wie einen Schatz, der er oder sie ja auch ist.

In der Prozessgruppe lernen Sie gemeinsam mit anderen sich selbst besser zu regulieren, so dass Sie auch wenn Sie alleine sind, Ihr Leben mehr genießen können und stressresistenter sind.

Wollen Sie eine therapeutische Ausbildung machen, so lernen Sie in der Entwicklungstrauma-Ausbildung, wie Sie eine andere Person co-regulieren können. Sie lernen eine linkshemisphärische Kommunikation von einer (viel wichtigeren) rechtshemisphärischen zu unterscheiden und einzusetzen. Vor allem lernen Sie ihre Gegenüber somatisch zu spiegeln und Ihren Klienten die Möglichkeit zu geben, sich besser zu fühlen und eine bessere Selbstregulation zu entwickeln.