Trauma und Kontakt

Jan 27

Wie beeinflusst Trauma eigentlich die Art, wie wir Kontakt  und Freundschaft oder Beziehung herstellen?

Immer wieder lese ich oder bekomme ich erzählt, wie frustriert und enttäuscht Betroffene von anderen Menschen sind. Scheint es doch so, dass diese nicht genug Interesse haben oder sich wieder aus dem Kontakt zurück ziehen.

Sicher kann es passieren, dass das Interesse zu einseitig ist. Ein anderer Grund kann aber sein, dass traumatisierte Menschen, vor allem auch Menschen mit Entwicklungstrauma Kontakt auf eine Art und Weise herstellen, die oft zu Frustration führt.

In diesem Video erkläre ich, wie Entwicklungstrauma dazu führen kann, dass wir zu schnell und zu massiv in Beziehung treten und damit dem langsamen Wachstum von Kontakt und Beziehung manchmal keine Chance lassen.

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Transkript

Trauma und Kontakt

Hallo, herzlich willkommen beim Blog traumaheilung.de, ich bin Dami Charf. Heute geht es um das Thema, wie ich eigentlich Kontakt und nahen Kontakt, Beziehungen zu jemandem herstellen kann, und wieso Menschen in einer Traumatisierung da so oft frustriert sind.

Wir als soziale Wesen

Kontakt und soziale Beziehungen sind erwiesenermaßen eines der wichtigsten Dinge in unserem Leben, die uns stabilisieren, die uns glücklich machen und die am Ende dafür sorgen, dass wir ein zufriedenes Leben geführt haben. Ich weiß, dass das für Menschen mit Traumatisierung oft ein sehr schwieriges Thema ist, und dass vielleicht alleine, wenn Du das hörst, schon ein bisschen Widerstand da ist. Nichtsdestotrotz sind wir im Grunde soziale Wesen, außer wir bekommen es wirklich sehr dramatisch und hart abgewöhnt. Und auch hier bleibt vielleicht dieses Gefühl von Einsamkeit oder Sehnsucht, die davon zeugen, dass wir eben doch soziale Wesen sind.

Schwierigkeiten im Aufbau von Bindungen

Was ich immer wieder gefragt werde und auch erzählt bekomme, ist eine Frustration im Umgang einmal mit sich selbst und der eigenen Geschichte und außerdem mit dem, wie ich das zu anderen Menschen trage – wie trete ich in Kontakt, wie trete ich in Beziehung, wie baue ich Freundschaften auf? Da höre ich oft, dass die anderen Leute mit Unverständnis reagieren oder mit Rückzug, dass die ganze Sache mit Kontakt und Freundschaft oder Beziehung (das ist noch einmal eine ganz andere Geschichte) nicht so gut klappt.

Gesunder Beziehungsaufbau

Das, was ich herausgefunden habe und was viele bestätigen, ist, dass bei Menschen mit früher Traumatisierung, wo eben auch keine sichere Bindung war, etwas in der Kontaktabfolge, wie man eigentlich Beziehung herstellt, und damit meine ich auch Freundschaften und Bekanntschaften, durcheinandergekommen ist. Der „normale“ (auch wenn das Wort blödsinnig ist) Ablauf ist: Ich lerne jemanden kennen, lerne ihn noch ein wenig besser kennen, fange an, mich auszutauschen, checke ab, ob die Person mir gut tut, ob sie gute Verhaltensweisen für mich hat, was für einen Charakter dieser Mensch hat, wir finden heraus, ob wir gemeinsame Interessen haben, und im Laufe der Zeit stellen wir immer mehr Nähe her. Dann stelle ich fest, ob jemand sicher ist für mich: ob er unter Stimmungsschwankungen leidet, ob er ausflippt, ob er mich angreift und all diese Sachen. Also ich stelle Nähe her, ich stelle fest, ob jemand sicher ist, und dann erst wird der Kontakt tiefer und geht in eine Form von Bindung über. Das ist der Ablauf, der gesund ist.

Beziehungsaufbau mit unsicherem Bindungsmuster

Bei Menschen mit unsicheren Bindungsmustern, mit Entwicklungstrauma läuft das oft umgekehrt. Die lernen jemanden kennen, finden jemanden sympathisch, stellen ganz viel Nähe her oder versuchen das zumindest, gehen in Bindung und dann erst stellen sie fest, ob die Person überhaupt Interesse hat, ob sie das genau so nahe möchte, ob sie kompatibel ist, ob sie sich gut verhält, ob sie einen anständig behandelt, und so weiter.

Die Enttäuschung folgt oft auf den Fuß

Das heißt, die Bindung wird hier praktisch schon hergestellt, bevor man die Person überhaupt richtig kennenlernt. Das liegt oft an der Sehnsucht nach Bindung und ganz oft auch daran, dass man das, sobald jemand nett ist, mit einer Bindungsabsicht verwechselt – wie gesagt, egal ob in einer Beziehung oder freundschaftlich. Allein, dass jemand freundschaftlich ist und auf einen zugeht, reicht da schon aus. Darin liegt sehr viel Frustrationspotential, weil Interessen mitunter vollständig aneinander vorbeigehen, weil nicht bei jedem Schritt geprüft wird, ob der andere dasselbe empfindet.

Ein langsamer, aber gemeinsamer Weg

Das heißt, wenn Du dir Frustration ersparen möchtest, wenn Du Dir tiefe Freundschaften und auch glückliche Liebesbeziehungen aufbauen willst, dann lernst Du jemanden kennen, unterhältst Dich und siehst erst einmal aus, wie er gestrickt ist, was für Meinungen er hat, was für Ansichten und Interessen. Man fängt langsam, langsam an, ein gemeinsames Feld zu kreieren. Und einer von beiden öffnet sich vielleicht ein bisschen weiter, ein bisschen, und erzählt etwas über sich. Aber eben nicht sonst was für intime Dinge, sondern ein bisschen was. Und dann merkt man, dass die andere Person auch kommt und etwas erzählt, und man kann ganz langsam diesen gemeinsamen Boden erweitern.

Jeder Mensch braucht unterschiedlich viel Kontakt

Ebenfalls unheimlich wichtig ist, wie oft jemand Kontakt möchte, wie oft jemand Kontakt herstellt. Zu sehen, wie ich jede Woche anrufe und die andere Person nie zurückruft, sollte mir zeigen: So viel Kontakt möchte die- oder derjenige nicht. Freundschaften, Beziehungen zu bilden ist wie ein Tennisspiel. Man spielt sich die Bälle zu und schaut, wie oft der andere das möchte. Ich habe Freunde, die treffe ich jedes Vierteljahr, und ich habe Freunde, mit denen telefoniere ich jeden zweiten, dritten Tag. Das ist eine wahnsinnige Variationsbreite und jede davon ist in Ordnung, das heißt nicht, dass das eine nichts taugt und das andere ganz toll ist. Es ist einfach ganz unterschiedlich.

Einen gemeinsamen Weg finden

Das Wichtige dabei ist, dass es für beide Parteien stimmig ist und man einen gemeinsamen Boden findet, der beiden passt, denn sonst wird es irgendwann frustrierend und jemand ärgert sich, und vielleicht kann man darüber reden, aber möglicherweise herrschen auch einfach unterschiedliche Interessen. Ich kann ganz viel von dem Frust wegnehmen, wenn ich diesen Weg langsam gehe und langsam immer mehr Boden bereite und die andere Person auch eine Chance hat, bei mir anzukommen und mich langsam kennenzulernen. Dann erspart man sich viel, viel Frustration.

Die Sache mit dem Timing

Dieses Thema ist etwas, zu dem ich wirklich viel gefragt werde, von dem ich immer wieder gesagt bekomme, dass es so frustrierend ist mit anderen Menschen. Ein Teil davon ist die Geschwindigkeit, mit der Kontakt beziehungsweise Bindung hergestellt wird. Dasselbe zählt aber auch für sehr intime Dinge, die man so mit sich herumträgt, aber nicht sofort auf den Tisch legen sollte, nur um daran zu messen, ob die andere Person Interesse hat. Es kann schlichtweg sein, dass das zu viel ist, zu viel und zu schnell, und dass es später gar kein Problem wäre. Eben das bedeutet Kennenlernen und Wachsenlassen.

Ich hoffe, das hat ein bisschen erklärt, was ich meine, und wie immer hoffe ich, dass Du ein bisschen was als Anregung mitnehmen kannst. Ich freue mich, wenn Du das nächste Mal wieder dabei bist. Bis dahin tschüs, Dami.

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