Trauma und Bindung, Teil 1

Jul 05

​Wie Trauma durch frühe Verletzungen entsteht

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​Trauma und Bindung

Heute möchte ich über etwas sprechen, was bei Trauma fast immer betroffen ist: das Thema Bindungen und Beziehungen, also wie ich mich mit anderen Menschen verbinden kann, wie ich Beziehungen eingehen kann, wie ich mit Kontakt umgehe und wie eingebunden ich mich überhaupt fühle. In dem Blogeintrag zum Thema Trauma und Ökologie habe ich schon angefangen, darüber zu sprechen, wie getrennt die meisten Menschen sich heute fühlen, wie wenig verbunden mit der Welt und der Gemeinschaft. Darauf möchte ich heute ein bisschen näher eingehen.

Trauma zerstört Bindung und Zugehörigkeit

Traumatische Ereignisse können wirklich Bindungen zerstören. Man bekommt das Gefühl auf einmal allein zu sein, anders zu sein, sich fremd zu fühlen in der Welt. Ich selbst bin mir dessen zum ersten Mal bewusst geworden, als ich mit 23 Jahren mit einer Freundin nach Kanada gereist bin. Wir sind ganz naiv „in den Busch“ gezogen in einem Nationalpark. Es war eine traumhaft schöne Kulisse, doch ich hatte das Gefühl, alles wie durch eine Glaswand zu betrachten. Ich habe es gesehen, aber es hat mich nicht so berührt wie ich es erwartete bzw. wie Filme über solche Landschaften mich berührten. Es fiel mir auch ganz deutlich auf, dass ich zum ersten Mal richtig Angst hatte, besonders nachts. Auch dieses Gefühl hatte ich davor völlig von mir abgespalten. Das fand ich schrecklich und ich bin damit überhaupt nicht klar gekommen. Das brachte mich darauf, zu untersuchen, was diese Trennung verursachte, die Trennung von dem schönsten, was es gibt, wie ich finde: von der Natur, von der Weite, von der Wildnis.

Trauma ist nicht gleich Trauma - Schocktrauma und Entwicklungstrauma

​Schocktraumata und Entwicklungstraumata haben eben genau diese Kraft, uns so zu trennen und uns so sehr das Gefühl zu geben, wie durch eine Glaswand auf die Welt zu sehen. Alle sind da drüben und wir sind anders und alleine auf der anderen Seite. In der Praxis hat sich gezeigt, dass die beiden Traumaarten sehr selten allein existieren. Sehr häufig haben Menschen, die wegen eines traumatischen Ereignisses kommen, auch eine Geschichte von Entwicklungstraumata hinter sich.

Hier nochmal der Hinweis zum Begriff „Entwicklungstrauma“. Der ist nämlich etwas irreführend, da man sich unter Trauma immer einzelne, ganz furchtbare Geschehnisse vorstellt. Das ist natürlich auch vielen Traumapatienten passiert, aber für manche Menschen waren es eher viele „kleine Ereignisse“, z.B. dass ihre Eltern nicht fähig waren, sich auf sie einzustimmen und für sie da zu sein.

„Trauma“ ist ein sehr weiter Begriff und man muss ihn runter brechen. Es ist für ein Baby einfach traumatisch, wie das in unserer Generation oft gemacht worden ist, wenn es allein in das Nebenzimmer gelegt wird. Für einen erwachsenen Kopf ist es schwer zu verstehen, wie beängstigend solche Dinge für ein winziges Baby sind.

Resilienz und Antifragilität

Für das gute Aufwachsen ist Resilienz für uns sehr wichtig, das ist die Eigenschaft, nach Stresssituationen wieder in den ursprünglichen Zustand zu gelangen. Es gibt einen Autor, Nassim Nicholas Taleb, der das noch verschärft und den Begriff der Antifragilität einführt: die Fähigkeit, durch Belastungen zu wachsen und noch stabiler aus Stresssituationen hervorzugehen. Jedes ökologische System ist antifragil, sonst gäbe es unser Ökosystem schon lange nicht mehr.

Diese beiden Schlagwörter, Resilienz und Antifragilität, haben viel mit der Fähigkeit zur Selbstregulation zu tun und auch mit der Fähigkeit, uns zu binden. Das Problem dabei ist, dass die Selbstregulation und die Bindungsfähigkeit vorwiegend in den ersten drei Lebensjahren geprägt werden. Das ist eine Zeit, an die wir uns kaum erinnern können, und es gibt Entscheidungen, die fast jeder Mensch genau in dieser Zeit trifft. Das ist nicht bewusst, aber wir leben danach, und auch du wirst sofort sagen können in welche Kategorie du gehörst.

Ich spreche hier von der Entscheidung zwischen Autonomie bzw. Würde einerseits und Beziehung bzw. Kontakt andererseits. Wie reagierst du bei Stress? Schützt du deine Würde und gehst sozusagen in die Autonomie bis zum Alleinsein bzw. wendest dich ab, um dein Gesicht nicht zu verlieren in einem Streit? Oder stehst du „auf Teufel komm raus“ für die Bindung ein bzw. suchst den Kontakt, damit die Beziehung gerettet werden kann, auch wenn dabei manchmal die Würde drauf geht? Das weiß jeder sofort von sich und das ist natürlich sehr prägend für alle späteren Beziehungsmuster aber auch für die Art, wie wir uns regulieren und wie wir ins Leben gehen.

Bezugspersonen im frühen Kindesalter

Wir sind tatsächlich geboren, um uns zu binden. Es schient so zu sein, dass das eine der am tiefsten evolutionär verwurzelten Anlagen in uns ist. Wir brauchen Bindung, um zu überleben und wir sind sozusagen „hard wired“, also wirklich verdrahtet dafür, uns zu binden sobald wir geboren werden.

Man sagt, dass wir in den externen Uterus geboren werden, den unsere Eltern für uns halten. Denn die Neugeborenen sind viel zu klein, viel zu fragil, um selbst zu überleben, aber leider für den Bauch der Mütter zu groß, sodass sie geboren werden müssen. Es ist dann eben wichtig, dass der Schutz und die Geborgenheit extern da sind. Unser autonomes Nervensystem ist zu dieser Zeit noch nicht vollständig ausgeprägt, d.h. wir sind darauf angewiesen, dass jemand da ist, der uns beruhigt und alles für uns tut. Am Anfang bekommen wir nicht mal den Schlaf-Wach-Rhythmus hin, wir können den Kopf nicht selbst halten, wir brauchen das „Rundumpaket der Vollbemutterung“.

Wir brauchen unsere Bezugsperson nicht nur, um uns zu beruhigen, sondern auch um Erregung in unser Nervensystem zu bringen. Denn so kann sich das „window of tolerance“, von dem ich auch schon oft gesprochen habe, weiten, je mehr Erregung und Anregung das Kind bekommt. Allerdings sollte auch keine Überregung stattfinden, d.h. wenn das Kind zu erregt wird, dann muss die Bezugsperson auch wieder dafür sorgen, dass es runter fährt in einen angenehmen Bereich. Auf diese Weise lernen wir, dass Erregung etwas Gutes ist.

Glück ist ein hoch erregendes Gefühl. Und deshalb vermeiden es so viele Menschen glücklich zu sein, weil sie die Erregung gar nicht im Körper halten können und sie sofort mit etwas Unangenehmen verbinden. Somit brauchen wir also unbedingt eine Bezugsperson, die uns anspricht und mit uns spielt, uns „hochfährt“ und nicht nur ständig beruhigen möchte.

Eingestimmte Kommunikation

Vor allem brauchen wir viel Kontakt, Berührung und eine sogenannte eingestimmte rechtshemisphärische Kommunikation. Dies ist auch der Grund, weshalb viele Therapien nicht effektiv sind. Eingestimmte rechtshemisphärische Kommunikation bedeutet, dass die Bezugsperson sich wirklich auf das Kind einstimmt, sich einfühlt und mit dem ganzen Körper, der Mimik, den Augen, der Stimmlage kommuniziert. Dass sie nicht nur mit dem Kind spricht und sagt: „Na wie geht’s dir denn heute?“, sondern wirklich mit dem ganzen Sein kommuniziert. Denn das ist es, was bei dem Kind ankommt und was es eben beruhigt oder erregt oder erfreut oder auch ihm Angst macht.

Durch diese eingestimmte Kommunikation entwickelt sich unser Gehirn. Es kommt also nicht so sehr darauf an, was gesagt wird, sondern wie es gesagt wird. Die rechtshemisphärische Kommunikation benutzen wir meist automatisch mit Tieren. Die meisten kennen das: Wir können zu einem Hund die verschiedensten Dinge sagen, die nicht unbedingt nett sind, er wedelt aber trotzdem mit dem Schwanz, wenn die Betonung stimmt.

Im Bereich der Gesprächstherapie haben wir ganz oft das Pech, dass unsere Therapeuten rein linkshemisphärisch mit uns kommunizieren, sie sprechen mit uns ohne viel Körpereinsatz. Da so aber ein wichtiger Teil fehlt, werden wir nicht vollständig geheilt, sondern nur sehr einseitig. Wir verstehen, was mit uns los ist - es ändert sich aber nicht in dem Maße, wie es für uns gut wäre.

Wir brauchen diesen körperbetonten Teil. Besonders unsere Bindungsfähigkeit und die Selbstregulation sind hochgradig darauf angewiesen, dass immer auch rechtshemisphärisch kommuniziert wird. Durch diese Art von Beziehung und von Kommunikation lernen wir viele Dinge, unter anderem lernen wir, dass unsere Bedürfnisse erfüllt werden.

Und das ist etwas Tolles. Für manche Menschen klingt das vielleicht ganz selbstverständlich, sie gehen einfach davon aus, dass ihre Bedürfnisse erfüllt werden, dass das Leben gut zu ihnen ist und die Welt ein sicherer Ort ist. Andere können sich das aber gar nicht vorstellen. Für sie ist das dann eine sehr wichtige und wertvolle Erfahrung. Auch dass wir gesehen werden und dass wir wirklich Bedeutung für jemanden haben, dass es gut ist, dass wir da sind, dass wir in Ordnung sind, so wie wir sind.

Viele Klienten erzählen, wie sie später von ihren Eltern gehört haben, dass sie, wenn sie als Kind zu viel geschrien haben, in den Keller oder ins Nachbarzimmer gesperrt wurden, dass sie einfach zu Hause gelassen wurden, wenn ihre Eltern einen Kaffee trinken gegangen sind, oder Ähnliches. Das ist eine Katastrophe für ein kleines Kind.

In solchen Fällen müssen wir dann als Erwachsene erst lernen, dass wir willkommen sind auf der Erde, dass da Leute sind, die sich freuen, nur weil wir da sind, nicht weil wir etwas tun, sondern einfach, weil wir da sind. Wenn wir gesund aufwachsen, wenn Eltern wirklich da sind, sich eingestimmt mit uns befassen und fähig sind, sich auf die Bedürfnisse von dem Baby einzustellen, sich selbst ein Stück zurückstellen können und nicht nur ihre eignen Bedürfnisse erfüllen, dann lernen wir schon früh, dass uns geholfen wird, wenn wir Hilfe brauchen. Und genau dadurch einwickelt sich ein beziehungsfähiges und adaptives Nervensystem.

Das wiederum bedeutet, dass man sich später im Leben schnell emotional beruhigen kann, eine hohe Konzentrationsfähigkeit entwickeln kann und auch mal selbst seine Bedürfnisse zurückstellen kann. Damit verbunden sind auch eine hohe Frustrationstoleranz und dann auch eine ausgeprägte „Glücksfähigkeit“. Glück ist wirklich viel schwieriger als Unglück, weil im Unglück wenig Erregung vorhanden ist. Glück ist sehr schwierig für Menschen, die eine schlechte Selbstregulation haben.

​Trauma ist das Gegenteil von Selbstregulation

Die Entwicklung von Stressresistenz und Beziehungsfähigkeit sind sehr wichtig für das weitere Leben. Weiter reiht sich hier die Fähigkeit, im Hier-und-jetzt sein zu können, ein: Außerdem nicht immer nur im Kopf zu sitzen und nachzudenken. Als letztes möchte ich hier noch das Selbst-Bewusstsein aufführen, die Fähigkeit sich selbst beobachten zu können. Daran hängt auch unser Verständnis für Moral und Ethik zusammen, wobei ich den zweiten Ausdruck bevorzuge, da „Moral“ häufig mit etwas Vorgegebenem, Aufgezwungenem verbunden wird, ich hier aber ein persönliches, tiefes Gefühl für ethisches Verhalten meine.

All diese Fähigkeiten hängen an unserer Fähigkeit von Selbstregulation und Bindung.

Du findest den nächsten Beitrag zum Thema Trauma und Bindung hier: https://www.traumaheilung.de/trauma-und-bindung-teil-2​

P.S. Und falls Du Dir noch nicht das gratis e-book geholt hast, kannst Du das jetzt nachholen, in dem Du auf die Home Seite gehst…

https://www.traumaheilung.de/trauma-und-bindung-teil-1/

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