Mrz 10

Die Auswirkungen von frühen Verletzungen und Trauma auf Sexualität und Begehren

Frühe Verletzungen, unsichere Bindungen, Entwicklungstrauma und Schocktrauma hinterlassen ihre Spuren auf vielerlei Arten und Weisen. Fast nirgendwo ist dies für Betroffene spürbarer als in Beziehungen und Sexualität.

Oftmals herrscht hier auch viel Verwirrung und Unsicherheit und es ist für viele Menschen schwer, Fragen zu stellen, um ihre Unsicherheit zu klären - selbst in Therapie.

​Ich bekomme häufig die Frage gestellt, ob Schwierigkeiten in der Sexualität immer etwas mit erlebter sexualisierter Gewalt zu tun haben.

Die Antwort ist "Nein" - es kann sein, aber es muss nicht sein. Es kann auch sein, dass eine Besonderheit, wie unser Gehirn Erinnerungen speichert, dafür verantwortlich ist. Im Video erkläre ich diese Besonderheit.

​Des Weiteren spielen unsere Kapazitäten und unsere Assoziationen in Bezug auf Nähe eine große Rolle. Wie habe ich Nähe kennengelernt? Habe ich dazu angenehme Erinnerungen oder eher unangenehme Erinnerungen?

Auch Körperkontakt und Berührung wurde einmal gelernt und Menschen, die nicht viel davon bekommen haben, (oder nur auf invasive Art und Weise) erleben später Berührungen oft eher als unangenehm und überflutend.

Sexualität ist leider immer noch eher ein Tabuthema und wir leben dazu noch in einer völlig übersexualisierten Welt, die gleichzeitig kaum noch echte nichtsexuelle Berührung kulturell "zulässt". Anders gesagt: wer heute keine Beziehung hat, bekommt kaum noch Berührung und Körperkontakt.

Häufig wird Nähe, Intimität, Sexualität, Sinnlichkeit und Erotik miteinander verwechselt.

Gerade Intimität und Sexualität werden oft durcheinander geworfen. Menschen, die Schwierigkeiten mit Nähe haben, neigen dazu, eine Sexualität ohne Intimität zu leben. Sie beschränken sich auf den körperlichen Akt, ohne ihrem Partner/ihrer Partnerin nah zu kommen, also Intimität zuzulassen.

​Berührung jeder Art wird häufig als Auftakt oder Einladung zu Sexualität gesehen und so vermeiden Menschen oft Berührungen, selbst in ihren Partnerschaften. 

Trauma und Begehren

Ein weiteres wichtiges Feld, welches durch Trauma und Entwicklungstrauma eingeschränkt wird, ist das Begehren. 

(Duden) be·ge̱h·ren:

  1. nach jemandem, etwas heftiges Verlangen haben; gern erreichen, haben wollen
  2. wollen, zu tun wünschen
  3. erbitten, bittend fordern

URL: https://www.duden.de/node/697202/revisions/1661004/view (Zugriff: 20.03.2018)

​Begehren wird in unserer Kultur meist nur in einem sexuellen Kontext verstanden. Sexuelles Begehren kann Teil dessen sein, doch Begehren ist ein viel umfassender Begriff.

​Begehren bedeutet nach etwas greifen zu wollen, etwas zu sich hin ziehen wollen. Es ist im weitesten Sinne ein körperlicher Akt des Habenwollens. Dabei kann sehr unterschiedlich sein, was eine Person jeweils intern oder im Kontext mit anderen Menschen begehrt.

Wichtig ist, dass ein Mensch ein Bedürfnis fühlen muss, um zu begehren. Diesem Bedürfnis muss Ausdruck verliehen werden, damit es sich in der Welt realisieren kann. Das mag abstrakt klingen, ist es aber nicht. Am deutlichsten äußert sich Begehren in den Armen eines Menschen, denn diese brauchen wir, um etwas zu uns zu ziehen (auch im übertragenen Sinne).

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Freude am Entdecken

​Begehren geht einher mit der Freude, etwas zu entdecken und mich in die Welt hinaus zu wagen. Begehren ist sehr eng mit dem Explorationsverhalten verwandt: Mit Neugier, mit der Lust auf Unbekanntes, mit dem in die Welt gehen und etwas von der Welt wollen.
Und damit schließt sich der Kreis zu frühen Verletzungen und Entwicklungstrauma. Trauma und unsichere Bindungen führen meist dazu, dass das Kind nicht mehr freudig die Welt entdecken kann. Es traut sich nicht, da ihm der sichere Boden bzw. der Schutz durch die Bezugsperson fehlt. Das gilt auch, wenn die Bezugsperson sagt oder ausstrahlt, dass es besser ist, dort zu bleiben, wo man schon alles kennt, da die Welt ein gefährlicher Ort ist.

Explorationsverhalten (Wikipedia):
"Beim Menschen wie bei anderen Primaten wird das Erkundungs- oder Explorationsverhalten in einer Beziehung zum Bindungsverhalten gesehen. Hierbei schließen sich das Bindungsverhalten und das Explorationsverhalten gegenseitig aus. Beide Verhaltensweisen können nicht gleichzeitig aktiv sein, stehen aber als frühe, angeborene Verhaltensweisen in Wechselwirkung miteinander."

Beide Verhaltensweisen haben einen großen Einfluss auf die spätere Entwicklung. Ein Kind zeigt verstärkt dann exploratives Verhalten, wenn es sich sicher ist, dass die Bindungsperson jederzeit verfügbar ist, um emotionale Unruhezustände auffangen zu können. 

Sicherheit wird wichtiger als Lebendigkeit

​So lernen Kinder früh, sich für Sicherheit statt Expansion zu entscheiden, für Rückzug statt Exploration.

Ein weiterer Faktor, der unsere Lust an der Welt und unser Begehren negativ beeinflusst, kann der Mangel an Fürsorge und Erfüllung der Grundbedürfnisse sein. Unsere körperlichen und/oder seelischen Bedürfnisse werden nicht erfüllt, sie sind scheinbar unwichtig für die Bezugspersonen. So bleiben Kinder ständig "hungrig" und manche entscheiden dann sehr früh, dass sie nicht auf andere angewiesen bleiben wollen - sie beschneiden und verleugnen ihre Bedürfnisse, um sich nicht mehr abhängig oder gedemütigt zu fühlen.

​Dies alles kann dazu führen, dass Menschen nichts mehr wollen. Sie hören auf zu begehren, sie geben sich zufrieden und ihr höchstes Gut wird Sicherheit.

Für manche Menschen kann das ein zufriedenstellendes Leben sein, aber für Andere fühlt es sich nach einem begrenzten, eingeengten Leben an.

Diese Enge kann sich auch auf Liebesbeziehungen auswirken, weil auch dort das Begehren nach kurzer Zeit einschläft und der Sicherheit geopfert wird. Das "Wollen" des Anderen wird eingestellt.

Gerade Liebesbeziehungen bestehen aus der Vereinigung des Paradoxen: wir suchen und verlieben uns in das Fremde und Aufregende im Anderen und wollen dann das vertraute und sichere...
Nur wenn beides sein kann, bleibt eine Beziehung lebendig.

In diesem Video erkläre ich noch mehr:

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​Transkript

Trauma, Begehren und Sexualität

Sexualität ist für viele Menschen mit einer Traumageschichte, vor allem mit einer, die sexuelle Traumatisierung oder sexuelle Gewalt beinhaltet, ein ziemlich heißes Thema. Ich werde hier nicht so tief darauf eingehen und ich möchte niemanden triggern. Wenn Du das Wort selbst schon nicht hören kannst, dann höre Dir diesen Blog einfach nicht an, aber ich möchte auf einer Metaebene gerne etwas dazu sagen.

Trauma und Sexualität

Es gibt bei diesem Thema verschiedene Komponenten, die für Menschen mit Traumatisierung oft sehr schwierig sind, oder auch Fragen aufwerfen. Eine häufige Frage, die ich gestellt bekomme, ist: Wenn ich Schwierigkeiten mit Sexualität habe, mich aber an nichts in meiner Kindheit erinnern kann, muss ich dann eine Geschichte haben, die irgendwo einen sexuellen Übergriff beinhaltet? Dem ist tatsächlich nicht so. Es ist nicht zwangsläufig so, dass man, „nur“ weil man Schwierigkeiten hat im Bereich der Sexualität, zwangsläufig sexuelle Gewalt erlebt haben muss. Das kann natürlich sein, absolut, aber es muss nicht sein.

Wie der Körper sich erinnert

Trauma funktioniert auf der Ebene von Erregungsstufen. Das heißt, in meinem Körper wird Erinnerung gespeichert, und viel davon in der Form der Erregung, die in diesem Erlebnis gesteckt hat. So kann es sein, dass ein traumatisches Erlebnis, das hoch geladen ist, wo also sehr viel Erregung im Körper war, neben einem Fallschirmsprung (der meiner Vorstellung nach auch ganz viel Erregung beinhalten muss) abgespeichert ist. Das bedeutet auch, dass in dem Moment, in dem ich etwas erlebe, das in einen ähnlich hohen Erregungszustand geht wie das traumatische Erlebnis, der Körper sagt: „Hey, jetzt kriegen wir Stress, das kennen wir schon; wenn die Erregung so hoch ist, kommt da nichts Gutes dabei heraus“, und er löst Angst oder Erstarrung aus. Das muss nicht von sexueller Gewalt kommen, sondern kann ein völlig anderes traumatisches Erlebnis gewesen sein. Dann sitzt man da und erstarrt oder bekommt Angst oder dissoziiert, obwohl das, was man jetzt macht, eigentlich schön sein sollte, und dann hat man das Schlamassel.

Das ist die Art, wie Erinnerungen in unserem Hirn gespeichert werden, und weshalb es sein kann, dass in Sexualität, wenn Erregung in den Körper kommt, der dann dichtmacht, Angst bekommt oder erstarrt. Einfach, weil das Sexuelle in die Nähe dieser gespeicherten Erinnerung kommt, die traumatisch war. Egal, ob das ein sexuelles oder ein anderes Trauma war. Das ist einer der Gründe, weshalb viele Menschen Stress haben in ihrer Sexualität – weil der Körper jedes Mal, wenn die Erregung hoch geht, sagt: „Hey, da gehen wir nicht hin.“

Erleben von Nähe

Ein weiterer Punkt, der in Sexualität zum Tragen kommt, ist, wie viel Nähe ich haben kann. Habe ich einmal gelernt, dass Nähe etwas Angenehmes ist, oder aber etwas, das nicht schön ist? Auch hier muss es nicht um sexuelle Traumatisierung gehen. Es kann einfach sein, dass ich eine sehr überstülpende Mutter hatte, die sich energetisch immer einloggt,  oder Eltern, die keine Grenzen wahren, die zum Beispiel immer ins Zimmer kommen, oder die nicht anerkennen, dass ich ein anderer Mensch bin als sie. Und so habe ich dann gelernt, dass Nähe etwas ist, das unangenehm ist.

Oder es ist das genaue Gegenteil und ich habe ganz wenig Körperkontakt bekommen als Kind und weiß gar nicht, wie sich das anfühlt, Nähe oder wenn ich angefasst werde. Ich habe gar keine Referenz dafür gebildet – und dann finden Menschen es oft unangenehm, gestreichelt zu werden, weil es eigentlich schon eine Übererregung ist, weil das ganze System das gar nicht kennt und als sehr unangenehm abgespeichert hat.

Das ist wichtig für Dich zu wissen, um Deine Gefühle ein bisschen einordnen zu können und zu sehen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, wieso man mit Sexualität Stress hat, als dass man sexuelle Gewalt erlebt hat. Wie gesagt, das schließt es nicht aus, aber es muss auch nicht sein.

Wie sexuelle Energie wirkt

Sexualität ist außerdem immer überwältigend, wenn eine Person in sexueller Erregung ist und die andere nicht, weil Sexualität einfach instinkthaft und als Energie sehr massiv ist. Deswegen können zum Beispiel viele Betroffene gar nicht glauben, dass „eigentlich nichts passiert“ ist, sondern „nur“ Energie gerichtet worden ist. Das reicht. Und es ist auch nicht „eigentlich nichts passiert“, es ist etwas passiert, denn allein, wenn eine erwachsene Person sexuelle Energie auf ein Kind richtet, ist das schon überwältigend und wird Folgen haben. Sehr, sehr wahrscheinlich zumindest.

Begehren heißt entdecken wollen

Der andere Punkt, der bei Sexualität zum Tragen kommt, ist, dass, um in Sexualität hineinzukommen, um mir selbst mein Begehren zu erlauben, ich aus mir herausgehen und etwas wollen dürfen muss, und das ist für viele Menschen mit einer schwierigen Kindheit sehr schwer. Denn da gab es nichts zu wollen und es gab auch keine Entdeckerlust. Es gibt einen ganz wunderbaren Vortrag von Esther Perel, der leider auf Englisch ist, Desire in long-term relationships, in dem sie erklärt, dass Begehren etwas mit entdecken wollen zu tun hat. Ob wir das als Kleinkinder durften, wirkt sich stark auf später aus, ob und wie wir die Welt entdecken konnten. Es ist wichtig, ob, wenn wir zurückgeschaut haben, Mama da war und gesagt hat, alles gut, mach weiter, oder ob sie gesagt hat, das solltest du lieber nicht tun, und wir dadurch gelernt haben, dass die Welt ist ein gefährlicher Ort ist und wir um Gottes Willen nicht zu unternehmungslustig sein sollen und nicht zu viel entdecken wollen.

Das Leben begehren

Das wirkt sich unter Umständen später darauf aus, wie wir begehren. Begehren ist nicht nur sexuell, begehren ist auch, das Leben begehren, zu entdecken, zu sich zu nehmen und anzueignen. Da sind die Überschneidungslinien zu Trauma, weil Trauma das Gegenteil will. Trauma will Sicherheit, Rückzug, Absicherung, Enge. Das ist, wie man eine traumatische Erfahrung irgendwie in einem Leben halten kann. Alles, was das macht und den Körper aufmacht ist das Gegenteil zu Trauma, das zu und eng macht.

Wenn wir als ganz kleine Kinder gar nicht gewollt oder gleich im Brutkasten waren und massive, beängstigende Erfahrungen gemacht haben, weil wir so viel alleine waren oder so etwas, dann zieht sich unsere Lebensenergie in die Knochen zurück. Das Verrückte und sehr Traurige ist, dass wir dann Begehren und Expansion mit Vernichtung assoziieren. Wenn ich so aufmache, dann kommt mit Sicherheit Vernichtung. Darin liegt viel Lebenstragik, aber es ist gut, das zu wissen, damit Du einordnen kannst, dass Du nicht verrückt bist, dass nichts falsch mit Dir ist, sondern es sind die Auswirkungen von Trauma, also Entwicklungs- aber auch Schocktrauma. Unsere Exploration, unsere Expansion wird verhindert, und damit auch unser Begehren dem Leben gegenüber oder einer anderen Person gegenüber. Das alles schlägt sich auch in Sexualität nieder, die ja eigentlich ein Ausdruck von Lebensenergie ist, von Lust, von Freude und von Freude an einem anderen Menschen.

Da sind die Reibepunkte, wo es eng wird und worin viel Schmerz und Angst stecken. Vielleicht hilft es Dir ein bisschen, Dich da besser zu verorten, Dich besser zu begreifen und ein bisschen mehr Mitgefühl mit Dir zu haben. Wenn Du das hast, habe ich mein Ziel schon erreicht.

Das wars für heute, wie immer hoffe ich, dass das ein Puzzlestück mehr für Dich ist, das Du hier bekommen hast. Bis zum nächsten Mal, ciao, Dami.

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