Warum ein Ja ein Nein braucht

Sep 06

Warum ein Ja ein Nein braucht

Heute möchte ich eine Anregung aufgreifen, die ich ganz spannend fand. Jemand hat gefragt „was ist eigentlich mit dem Ja sagen? Alle sprechen davon, wie wichtig es ist, Grenzen zu setzen, was ist aber mit dem Ja sagen?“ ​

​Vereinfacht gesagt, brauchen wir für ein echtes JA das Gefühl auch NEIN sagen zu dürfen und zu können.

Ja sagen führt zu Lebensqualität

Ja sagen –  warum ist das auch wichtig? Weil es auch ganz viel mit Lebensqualität zu tun hat, denn wenn ich nicht wirklich Ja sagen kann zu Dingen, dann bleibe ich immer auch ein Stück außen vor. Ein Nein macht immer ein Stück Trennung oder setzt eine Grenze.

Das Dilemma mit dem Ja

Das Dilemma ist aber, dass ich nicht Ja sagen kann, wenn ich nicht Nein sagen kann. Deshalb spreche ich mehr über Grenzen als über das Ja sagen, denn wenn wir nicht Nein sagen können, können wir auch nicht Ja sagen. Das ist wirklich super, super wichtig. Denn, stell dir vor, du hast Lust mit jemandem Kaffee zu trinken, du triffst jemanden und denkst „irgendwie ein netter Mensch, eigentlich würde ich die Person gerne kennenlernen“. 

Ohne Nein kein Ja

Und dann fängt im Kopf an:

  • Aber wenn wir Kaffee trinken gehen, vielleicht denkt dann der-/diejenige, dass da noch mehr passieren muss… Sei es womöglich sexuell oder auch einfach nur, dass man sich nochmal treffen muss. 
  • Was mache ich, wenn ich die Person unsympathisch finde? 
  • Ich weiß nicht, wie ich mir die dann vom Hals halten soll. 

Das sind alles Themen, die mit reinspielen, dass ich nicht von Herzen Ja sagen kann. Weil ich im Kopf schon die Szenarien habe, was passiert, wenn ich eigentlich Nein sagen möchte und denke ich kann nicht Nein sagen.
Und das ist eben ständig und ganz häufig der Fall. Nein gibt uns einen Raum, 

  1. in dem wir uns mehr fühlen
  2. den wir brauchen

Und ist der Grund, warum jedes Ja auch ein Nein braucht.

Das Nein zu den anderen ist das Ja zu sich selbst

In der Kindheit gibt es deswegen auch eine Phase, in der Kinder ständig nur noch Nein sagen: Wir bilden das Gefühl für uns selber auch darüber, dass wir Nein sagen. „Du bist nicht ich“ heißt das und „das ist nicht ich“. 

Trauma bricht die Grenzen des eigenen Raumes

Für die meisten Menschen, die mit Trauma zu tun haben, ist dieser Raum und dieses Nein von dem „ich möchte das nicht“ massivst gebrochen worden. Das heißt, dass wir später mehr Angst haben, dass jemand in diesen Raum reinkommt und wir nicht fähig sind diesen Raum aufrecht zu halten und Nein zu sagen an den Stellen, an denen wir etwas nicht wollen. Womöglich wissen wir, dass wir dann sofort erstarren oder nichts mehr sagen können.

Zum anderen gibt es bei Entwicklungstrauma, selbst wenn keine Gewalt erlebt worden ist, oft dieses „wenn ich Nein sage, gibt es Liebesentzug“. Ein Nein macht mich einsam. Das sind Dinge, die so viele von uns einfach im Kopf haben…

Ein Ja hebt keine Grenzen auf!

Wenn wir einen Hintergrund von ungesunden Bindungen, Entwicklungstrauma oder Bindungsverletzung haben, wird es aber wirklich schwer ehrlich und von Herzen Ja zu sagen. Dieses Ja wird ganz oft damit assoziiert, dass 

  • wir aufgefressen werden,
  • wir überrannt werden,
  • oder, wir gar keine Grenze mehr haben dürfen,
  • ein Ja so absolut ist, dass wir dann zu allem Ja sagen müssen.

Welche Glaubenssätze und Vorstellungen hast du zu Ja und Nein?

Für viele ist ein Nein fast unmöglich, weil es für sie heißt „ich will dich nicht“. Ein Nein heißt aber nur „ich will das nicht“. Manchmal heißt es auch ich will dich nicht, keine Frage, aber im Allgemeinen, im Alltag, wenn jemand sagt „möchtest du mit mir ins Kino gehen?“ und ich Nein sage, dann heißt das, „ich möchte nicht ins Kino gehen“ und nicht „Nein, ich finde dich doof/ Nein, weil ich dich doof finde“. Diese Verwechslung machen wir aber ganz viel oder machen viele Menschen, weil dieser Entwicklungsschritt in der Kindheit nicht gut funktioniert hat.

Ein Ja öffnet einen Raum

Und ein Ja ist eben ein öffnender Raum, ich öffne einen Raum und das macht vielen Menschen mit einem Traumahintergrund Angst. Das heißt, bevor du wirklich voll und ganz Ja sagen kannst zum Leben, zu anderen Menschen, zu dem, was du möchtest, musst du lernen Nein zu sagen. Blöd… ;o)

Das hängt viel mit der Selbstsicherheit und dem Selbstbewusstsein zusammen. Wenn man darin gestärkt ist, kann man anfangen zu trainieren Ja zu sagen. Und experimentiere damit! Weil: stell dir wirklich vor – und das ist nicht einfach zu lernen – man darf ein Ja auch zurücknehmen. Man kann Ja sagen und nach 10 Minuten oder einer halben Stunde sagen „jetzt reicht‘s mir“ oder „das war doch keine gute Idee“. Wir dürfen ein Ja zurücknehmen! Man darf Ja sagen und dann trotzdem noch Nein sagen – ein Ja ist keine Verpflichtung.

Das macht es manchmal vielleicht schwieriger im Umgang mit uns und meistens, wenn wir zum Beispiel Grenzen trainieren, schießen wir erstmal über’s Ziel hinaus, aber dann müssen wir eben das Feedback einholen und merken „da war ich irgendwie nicht ganz ok“ und das dann langsam lernen und moderieren, so, dass es zu immer mehr Verbindung führt. 

Es geht darum, dein Leben zu moderieren

Es geht nicht darum ein Nein dafür zu nehmen, dass ich dann einsam und allein auf meiner Insel sitze, die ich nicht habe, sondern es geht darum, dass ich mein Leben moderieren kann: Ja dazu, Nein dazu, ein bisschen mehr dazu. Das ist das, was wirklich wichtig ist zu lernen über Ja und Nein.

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