Frühe Verletzungen und Entwicklungstrauma heilen, Teil 1

Jul 04

Was ist ein Entwicklungstrauma und welche Folgen hat es?

Die Therapie mit frühen Verletzungen und Entwicklungstrauma sieht vollkommen anders aus als die Arbeit mit Schocktrauma.

Fast alle auf dem Markt befindlichen Traumatherapien sind Schocktraumatherapien, leider oft, ohne dass es gesagt wird.

Entwicklungstrauma, frühe Störungen und Verletzungen sind meist untrennbar mit Bindungsstörungen verbunden und eigentlich immer mit großen Schwierigkeiten in der Selbstregulation.

Meiner Erfahrung nach haben 95% aller Klienten, die wegen eines Traumas eine Therapie aufsuchen keine reine Schocktraumaproblematik.

Häufig stellt man als TherapeutIn fest, dass es eine Geschichte von frühen Verletzungen im Hintergrund gibt.

An dieser Stelle ist es vielleicht wichtig das Wort Entwicklungstrauma etwas zu definieren. Leider führt jedes Wort das „Trauma“ beinhaltet zu bestimmten Assoziationen, die in diesem Fall häufig falsch sind. Ein Entwicklungstrauma kann ganz „untraumatisch“ entstehen.

Normalerweise haben die meisten Menschen beim hören des Wortes „Trauma“ Bilder von Gewalt, sexuellen Übergriffen oder schwerer Vernachlässigung im Kopf und diese Art traumatischer Ereignisse sind leider für viel zu viele Menschen in ihrem Leben wahr gewesen.

Ein Entwicklungstrauma kann jedoch auch schon dadurch entstehen, dass Babys nach der Geburt nicht bei der Mutter liegen dürfen oder im Krankenhaus bleiben müssen. Außerdem bestand lange der Irrglaube, dass Babys nicht „verhätschelt“ werden sollten und deshalb haben viele Mütter über lange Jahre ihre Kinder nur alle drei Stunden gefüttert.

Manchmal ist eine Mutter depressiv oder hat eine Wochenbettdepression oder Eltern haben schlicht keine Zeit für das Kind oder sind unfähig sich empathisch in die Bedürfnisse des Kindes einzufühlen.

All dies reicht, um die Entwicklung des Kindes stark zu beeinflussen und bleibende Spuren zu hinterlassen und wird unter dem Wort „Entwicklungstrauma“ zusammengefasst.

Diese Umgangsweisen mit Säuglingen und Kleinkindern hat sich nur langsam verändert und wir können nur hoffen, dass die heutigen Generationen einen besseren Start bekommen.

Leider nimmt allerdings die Frequenz der operativen Eingriffe an Säuglingen und Kleinkindern zu. Hier gilt für die Medizin leider die Machbarkeitsregel und nicht die neuesten Erkenntnisse der Traumaforschung.

Die Auswirkungen dieser frühen Verletzungen sind unterschiedlich, man kann aber sagen, dass die Fähigkeit zur Selbstregulation am meisten betroffen ist. Gemeinsam mit der Fähigkeit zu nahem Kontakt und Bindung. Je stärker die Folgen dieser frühkindlichen Lebensumstände sind, desto mehr verliert der Mensch auch den Zugang zu seinem Körper und seinen Gefühlen.

Dadurch wird das Leben einerseits sehr anstrengend für die Betroffen und andererseits sehr schal

Glück und Entspannung ist meist ein seltener Gast.

Dafür kennen es die meisten sich immer wieder in inneren oder äußeren Dramen wieder zu finden.

Je früher diese Lebensumstände negativ waren, desto mehr fühlen sich Menschen als Außenseiter, abgeschnitten und haben das Gefühl als Alien durch die Welt zu gehen. Häufig begleitet von einem Gefühl tiefer innerer Einsamkeit.

Die Neigung zu Dramen scheint darauf zurückzuführen zu sein, dass der Körper bei Stress einerseits Stresshormone ausschüttet und andererseits körpereigene Opiate freisetzt. Diese körpereigenen Opiate, auch Endorphine genannt sind so stark wie Heroin und dämpfen den Schmerz, der durch einen Angriff entstehen könnte.

Es scheint so zu sein, dass der Körper sich an diese Endorphingaben gewöhnt und süchtig wird.

Später im Leben inszenieren Menschen dann Dramen, um unbewusst wieder diesen „Kick“ zu bekommen.

Deshalb ist es in der Traumatherapie immer auch ein Therapieziel die Klienten von diesem Kick zu entwöhnen. Bei einer gelungenen Traumatherapie wird das Leben subjektiv gefühlt langweiliger. Da die Spitzen, die immer wieder das Window of Tolerance (siehe Videolehrgang) sprengen, dann wegfallen, dadurch hat man das Gefühl, dass der Alltag langweiliger wird.

Dies ist nicht für alle Menschen ein erstrebenswertes Ziel und die Klienten sollten darüber aufgeklärt werden

Im besten Fall weitet sich allerdings die Fähigkeit zu fühlen und präsent im Körper und damit auch im Leben zu sein, mit der Zeit aus.

Dadurch wird das Leben entspannter, ruhiger und bekommt mehr echte Tiefe.

Dramen wirken sehr lebendig, sind aber letztendlich einfach nur leer und hohl wie ein Hollywoodfilm.

Als Therapeuten sollten wir deshalb aufpassen uns nicht in die Dramen unserer Klienten involvieren zu lassen. Außerdem sollten wir auch im therapeutischen Prozess keine Dramen und große Gefühle und emotionalen Ausbrüche evozieren. Gerade bei traumatischen Erinnerungen und traumatisierten Menschen sollten die Gefühle immer nur so groß sein, dass die Klienten sie gut in ihrem Körper halten und fühlen können. Alles was darüber hinausgeht, sollte meiner Erfahrung nach, vermieden werden.

Im nächsten Blog geht es weiter zur Arbeit mit frühen Verletzungen und Entwicklungstrauma

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